Letzte Fahrt für die Elektrische / 80 Milliarden Mark für ein Fahrticket / Omnibus verdrängte teure Bahn
Adelheid Schäfer erzählt am Telefon: „Die Fotografie zeigt die elektrische Straßenbahn in Guben in der Lubstraße kurz vor der Endhaltestelle noch vor der Lubstbrücke. Rechts befand sich die Tuchfabrik Schemel und links war eine Gaststätte.
Die elektrische Straßenbahn fuhr bis 1935 in Guben durch die Stadt bis zum Bahnhof. Ab da hat der Omnibusverkehr die Personenbeförderung übernommen. Der Omnibusverkehr fuhr die Linie 6 und fuhr von der Drei-Kreuzstraße zum Bahnhof. In der Nähe von der Drei- Kreuzstraße war das Pflegeheim. Das ist das heutige Krankenhaus in Gubin.“
Das Foto stammt von der – wohl symbolischen – letzten Fahrt der Straßenbahn am 8. Juni 1938. Nach der Inbetriebnahme am 24. Februar 1904 hatte die Bahn eine politisch schwierige Zeit zu bestehen. War das Gefährt anfangs Grund, nach Guben zu pilgern und statt mit dem Karussell eine Runde Bahn zu fahren, änderte sich dies spätestens zur Inflation. 1923 wurde das Geld immer schneller entwertet, die Änderung der Beförderungstarife mussten jedoch von einer Genehmigungsbehörde zugelassen werden. Am 24. Oktober 1923 betrug der Fahrpreis umgerechnet auf Goldpfennige gerade noch 0,7 Pfennige, weil die Anpassung so träge reagierte. Die Beträge-Explosion nach oben ist bekannt. Das teuerste Ticket kostete 80 Milliarden Mark.
Nach einer Stillstandszeit, in der die Angestellten jedoch nicht entlassen, sondern Innenarbeiten ausführten, konnte die Stadt Guben die Wiederinbetriebnahme erklagen und sofort, am 25. Juni 1924, die Bahn wieder auf Tour schicken. Das Ticket kostete nun 15 Pfennige.
Doch die Tage für die Elektrische waren gezählt. Der Fortschritt ließ sich nicht aufhalten und zeigte die Schranken der Bahn. Das war vor allem die „Barriere“ der Lubstbrücke, die aus konstruktiven Gründen nicht überwunden werden konnte. 1928 wurde, zunächst als Ergänzung der Straßenbahn, der Omnibusverkehr aufgenommen. Doch noch war der Betrieb der Busse deutlich teurer als der der Bahn. Die Straßenbahn wurde bei ihrer Verabschiedung somit auch als Wegbereiter für die Busse gewürdigt.
In der Gubener Zeitung sind einige interessante Zahlen zusammengetragen: Rund 54 Millionen Kilometer hat die Bahn bis Ende 1937 zurückgelegt. Jeder Wagen hatte damit rund 900?000 Kilometer auf den Rädern und ist in seinem Leben rund 188?000 Mal zwischen Bahnhof und Lunststraße hin- und hergefahren. Die meisten Menschen wurden am 22. September 1919 befördert. 7?000 Menschen wurden gezählt. Der Tag mit den wenigsten Passagieren war der 20. Oktober 1923 mit 359 Personen. Festgehalten ist auch, dass ein Gubener in der Straßenbahn das Licht der Welt erblickte, weil es die Mutter nicht rechtzeitig zum Krankenhaus schaffte. Zwei Menschen sind bei Unfällen mit der Bahn ums Leben gekommen, ein Mann erlitt in der Bahn einen Schlaganfall. Kurios auch die Attraktion, als ein Wagen wegen zu schneller Fahrt das Gleis verließ und 1924 in eine Kristallglas-Sonderausstellung am Dicken Turm fuhr.






