Guben. Lindengraben um 1930 Richtung Jungfernbrücke

damals110101_gubenBerliner Damen die Mode abgeguckt / Lindengraben führte zum begehrten Park-Hotel / Einstiger Stadtgraben
Manfred Wegemann schreibt: „Zwar nicht so viel Schnee wie heute in unserem Gubin, aber eine schöne Winteraufnahme ist dieses Bild vom Lindengraben. Im Hintergrund rechts kann man sehr gut die Katholische Kirche erkennen, auch vielen älteren Gubenern sicher als Dreifaltigkeitskirche bekannt. Links ging es zum Stadttheater, noch heute kommt man von hier aus zur Theaterinsel mit dem wiedererrichteten Portal – eine gute Lösung, um an den prachtvollen Kulturbau zu erinnern.“
Annelies Schmid löste am Telefon und merkt an: „Geradezu das hohe Gebäude mit dem Turm ist das Parkhotel. Mit einer Lupe konnte ich auch den Schriftzug ‘Park…’ rechts neben dem Turm erkennen. Es war eines der renommiertesten Hotels im alten Guben und stets ausgebucht, wenn das Baumblütenfest nahte. Vor allem die betuchteren Berliner ließen sich gern in diesem Etablissement nieder und zeigten auch, was sie hatten, erzählte mir oft meine Mutter. Sie guckte sich als Jugendliche gern Details der neuesten Berliner Mode bei den vornehmen Damen ab und nähte diese dann für ihre Kleider nach. Die teuren Stoffe und Gewänder konnten sie sich natürlich nicht leisten. Sie hatte Schneiderin gelernt, hatte aber als Verkäuferin in einem Geschäft für Stoffe in der Königsstraße eine attraktive Anstellung gefunden. Das lag sicher an ihrem sicheren Blick und Geschick für Farben und Mode. Das schlussfolgere ich aber nur aus ihren Erzählungen. Sie wurde vom Geschäfteinhaber oft zu Beratungen hinzugezogen, heute würde man dies wohl Typberatung nennen.“
Ausführliche Details fand erneut Bärbel Koschack heraus und bestätigt damit die Tipps weiterer Ratefreunde: „Diese Straße ist der Lindengraben um 1930. Er begann an der Crossener Brücke (Königstraße) und endete an der großen Neißebrücke (Klosterstraße). Hier sieht man den Teil in Richtung Jungfernbrücke. Diese führte über die Lubstmündung. Danach begann die Grüne Wiese. Rechts oben erblickt man die Katholische Kirche auf dem Teichborn. Die Häuser links mit den Nummern 14, 15 und 16 stehen vor dem Übergang zum Stadttheater und Schützenhaus (Nr. 13). Nr. 14 war der Fotograf Heinrich Rugewitz. Rechts hinten die Häuser mit den Türmchen sind Grüne Wiese Nr. 2 und 4 (4 Parkhotel). Davor ist die Jungfernbrücke und zuvor die Abzweigung des Lindengraben nach rechts. Im Vordergrund die Straße (Wallgasse) führte über die Crossener Mauer und Stadtschmidtstraße zum Rathausvorplatz. In der Stadtschmidtstraße haben meine Eltern von 1932 bis 1939 gewohnt. Mein Mann ist als Kind bis zur Umsteigestelle Lindengraben mit der Buslinie 2 von der Kaltenborner Straße gefahren und umgestiegen in die Nr. 3 in Richtung Schegener Straße zu seinem Opa.
Wie entstand der Lindengraben? Er war ehemals der Stadtgraben, der neben der Crossener Mauer zur Stadtbefestigung beitrug. Da er immer mehr versumpfte, wurde er 1835 aufgefüllt und galt als Sandweg. Dieser wurde 1899 gepflastert und für den Fuhrwerksverkehr freigegeben. Gleiches gilt für den Kastaniengraben. Angepflanzte Linden und Kastanien gaben den Straßen ihren Namen. Der Lindengraben war reich an Fotografen und Banken. Je drei gab es davon. Von Foto Engel und Foto Simon besitzen wir noch signierte Fotos.“