Kommentar: Verzuckert

Rund 24 000 Haushalte in Brandenburg waren in dieser Woche deutlich überzuckert und sind es wohl noch. Väter und Mütter waren und sind emsig damit beschäftigt, die Zuckertüten ihrer ABC-Schützen mit süßen Leckereien zu füllen. Vermutlich glaubt der eine oder andere noch an eine uralte Zeitungsente, wonach diese Tüten die Wirkung eines „Nürnberger Trichters“ hätten. Je praller sie gefüllt würden, desto leichter käme alle Klugheit fortan in die kleinen Köpfe. Sie wollen alle Wunderkinder haben, die lieben Eltern, und deshalb feiern sie die Einschulung in süßer Wollust in erweiterten Familienkreisen mit Torten, zuckersüßem Pflaumenkuchen und Sahnebergen obendrauf. Das zahnlückenhafte künftige Erstklässlerkind ist bald vergessen im großen Trubel und zieht sich zurück mit seiner Tüte, um in ihren Tiefen zu ergründen, ob sich da nicht auch ein paar Spielsachen und einige nützliche Dinge für das neue Abenteuer Schule entdecken lassen.

Vielleicht schöpft ein ganz pfiffiger Sprössling schon Verdacht: Kann es sein, dass nach so viel Süßem womöglich saure Zeiten lauern…?
Warum versüßen die Menschen eigentlich gerade diesen wichtigen, schönen Start so übermäßig? Der Brauch kam vor gut 200 Jahren in Sachsen und Thüringen auf, wo es den Menschen nicht übermäßig gut ging. Bis Berlin und in den Westen kam er eigentlich erst in den 1950er Jahren, und am üppigsten hat er sich tatsächlich hier im deutschen Osten festgesetzt. In der Schweiz kennt man ihn gar nicht und in Polen auch nur dort, wo früher Deutsche lebten.

Den schwärmerischen Begriff „Zuckertüte“ durch das unterkühlte „Schultüte“ zu ersetzen, hat an der Sache nichts geändert. Allerdings bereitet Sorgen, dass ausgerechnet hier, wo die Zuckertütenbäume am höchsten wachsen, dieses Jahr der mit Abstand krasseste Rückgang an Schulanfängern zu verzeichnen ist. 4,4 Prozent(!) weniger Kinder als im Vorjahr werden in Brandenburg eingeschult. Das Land und seine Eltern haben sich offenbar schulisch verzuckert. J.H.

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