
Am Anfang des Aufbruchs standen die Trupps mit den Messlatten / Zum Tag der Wirtschafts- und Währungsunion startet Hagen Strese sein Projekt:
Cottbus (hnr.). Ab 1. Juli 1990 löste die D-Mark das Ostgeld ab. Mit der Währungsunion einher ging die Wirtschaftsunion. Das Prinzip Leistung trat an die Stelle von Ideologie, Volkseigentum wurde privat, aus der Last eines Grundstücks wurde die Sicherheit durch Grundbesitz. Voraussetzung dafür war das exakte Maß. Länge mal Breite gleich Fläche, markiert durch klare Grenzen. Das ganze ludrige Land war neu zu vermessen!
Es gab, wenn auch noch nicht ins heilige Bundesrecht gehoben, Experten dafür. Im volkseigenen Betrieb Geodäsie und Kartographie Dresden, Bereich Cottbus, arbeiteten an der TU Dresden ausgebildete Diplom-Ingenieure für Geodäsie, bis dahin vor allem mit technischen Vermessungen gefordert. Einer von ihnen war Hagen Strese.
Künftiger Bedarf war ihm klar, seit es von den Straßen „Wir sind EIN Volk“ hallte. Er nahm im April 1990 Jahresurlaub, arbeitete in Bremen und Hamburg bei Öffentlich bestellten Vermessern, machte sich schlau, verhandelte im Mai mit der Dresdener Bank und meldete sich zum 1. Juli 1990 als Freiberufler an. Zwischendurch hatte er sich Kartenschränke aus der Stasi-Auflösung beschafft und einen Brief an Noch-DDR-Abrüstungsminister Eppelmann geschrieben. Der empfahl den Schnäppchenkauf in Prenzlau: „Noch in Ölpapier gewickelte hochpräzise Geräte, einen Zehntausender wert, waren für ein paar Hunderter zu haben“, erinnert sich Hagen Strese noch immer mit erhöhtem Puls an solches Glück des Tüchtigen. Die Arbeit konnte beginnen – in einem vollkommen maroden Haus in der Sielower Straße. „Es regnete durchs offene Dach, aber wir mussten starten.“
Noch unter DDR-Verhältnissen gründete Strese den Berufsverband der Vermesser, der später im Bund der Öffentlich bestellten Vermessungsingenieure e.V. (BDVI) aufging. Mit den 15 Leuten aus seinem alten Betrieb kamen auch die Aufträge. „Es ging ja weiter an den technischen Projekten, zum Beispiel im Raw, und es wurde in Neuschmellwitz eifrig weiter gebaut“, erinnert sich Hagen Strese. Aber der eigentliche Brocken war das komplette Einmessen aller Grundstücke der GWC, der damaligen GWG (heute eg Wohnen) und der Stadt selbst. „Ob Wohnblock, Wäsche- oder Spielplatz, ob Straße oder Park – nichts hatte definierte Grenzen“, erklärt der Experte.

Den Zustand zu ändern, weil Investoren kamen, Gründer starten wollten und Ordnung in alle Bücher musste, war nicht leicht. Hagen Strese hatte an einer heutigen Exzellenz-Uni studiert – aber vor ihm lag als Unternehmer berufsbegleitend ein weiterer langer Bildungsweg. Drei Jahre musste er nebenbei büffeln um die Prüfung zum Öffentlich bestellten Vermessungsingenieur abzulegen. Da hatte er längst 50 Mitarbeiter. Die 760 Hektar von Treuhand, Stadt und Genossenschaft sollten möglichst bis 1997 in sauberen Kartenwerken stehen. Ein Jahrhundertwerk, diese Vermögenszuordnung! Auch Betriebe brauchten die Vermesser-Leistung, der Immobilienmarkt sprang an. „Ich hatte in Spitzenzeiten 53 Beschäftigte. Die Wartezeiten für eine private Vermessung lagen nach 1990 bei zwei Jahren – heute sind eilige Sachen in zwei Tagen auf dem Schirm.
Natürlich hat sich die Technik verbessert, die Auftragslage normalisiert. Einsatzorte sind heute fast alle großen Bauvorhaben in Cottbus, aber auch Flurneuordnungsverfahren in Burg-Nord, Raddusch oder Kostebrau. Und es kommen für die seit 2000 in der Dreifertstraße etablierten Vermessungsingenieure Hagen Strese und Jörg Rehs andere Aufgaben hinzu wie Gutachtertätigkeit für Gerichte und Nachvermessungen. Natürlich gebe es auch mal Grenzstein-Schieber, räumt Strese ein, absichtliche oder „versehentliche“, aber ihre Erfolgs-chancen liegen bei Null. Das GPS misst alles wieder millimetergenau ein.
Sorgen um seinen Berufstand hat der nun 57-Jährige nicht. „Nur wenn der Bergbau weicht, würde es schlechter, weil bei weniger Ansiedlung weniger gebaut würde“, sagt er. Er engagiert sich auch deshalb in der CDU und als Stadtverordneter, weil die Lausitz seine persönliche Zukunft ist.
Am 1. Juli feiert das Büro in der Dreifertstraße das Silberne. Öffentlich. Eben wie bestellt.
Wer baut, lässt mehrfach messen
Der Öffentlich bestellte Vermessungs-Ingenieur (ÖbVI) ist Brandenburgs Sachverständiger an Grundstück und Bau. Er begleitet jedes Bauprojekt Schritt für Schritt – auch jedes Einfamilien-Traumhaus. In allen Phasen ist er unentbehrlich: Am notariell zu beurkundenden Baugrundstück erfolgt zunächst die (1.) Grundstücksvermessung. Dann entsteht für den Bauantrag der (2.) Amtliche Lageplan. Die Bauausführung beginnt mit der (3.) Absteckung und endet mit der (4.) Einmessung gemäß § 68(3) BbgBO, auch Kontrollmessung genannt. Schließlich liefert der Vermesser den (5.) katasterrechtlichen Gebäudenachweis. Fertig ist das Haus!
Schreibe einen Kommentar