
Die Berliner Schriftstellerin Daniela Dahn zeichnet auf Gut Geisendorf ein düsteres Bild der Weltlage:
Geisendorf (trz). Eigentlich gilt Gut Geisendorf als Heimat der Musen, als kultureller Treffpunkt am Grubenrand. Anders dagegen an diesem kühlen Aprilabend. Trotz singender Vögel und dem Geruch blühender Obstbäume, die den tagebaubedingten Abriss des Ortes überstanden, herrscht eine gewisse Melancholie über und vor allem im historischen Gebäude. Um nicht zu sagen, eine düstere Atmosphäre. Der Grund: Daniela Dahns Text im Buch „Und das ist erst der Anfang“, das Journalistin Anja Reschke Ende 2015 herausgegeben hatte. Um es vorwegzunehmen: Daniela Dahn zeichnet während ihrer Lesung im Herzen der Lausitz das charakteristische Weltbild der deutschen Linken.
Nur ein Verursacher
Der heutige „Turbokapitalismus“ des Westens trage demnach die Hauptlast am Übel der Welt. Egal, ob die derzeitigen Menschenmasse, die aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Europa strömt, ob Hungersnöte in Afrika oder der Klimawandel: Es gibt, zumindest in der Welt der Daniela Dahn, nur einen Verursacher. Und wir alle in den wohlhabenden Staaten trügen für die schier unlösbaren Probleme dieser Erde Mitverantwortung. Weil wir nicht mit den Menschen der Dritten Welt teilen wöllten, so lautet die gewagte These. Ohnehin: Der Westen möchte lieber gar nicht so genau wissen, was in den armen Ländern so vorgeht. „Das Wissen könnte das Gewissen belasten“, schreibt Dahn. Und die heutige Flut an Menschen gen Europa werde verharmlosend als „Folge der Globalisierung“ bezeichnet. Allerdings, so glaubt die Autorin, sei die wirkliche Bekämpfung dieser Phänomene fast sinnlos, weil sich in diesem Moment automatisch die „Systemfrage“ stellte. Daher funktioniere das Prinzip „Schotten dicht“ gar nicht.
Selbst verantwortlich?
Kein direktes Wort verliert Dahn in ihrem Beitrag über die Schließung der Balkan-Route, die maßgeblich eine Verringerung der Flüchtlingszahlen zur Folge hat. Kein Wort, dass möglicherweise auch die Menschen in den Drittweltländern selbst ein stückweit verantwortlich für ihr dramatisches Schicksal sein könnten. Beispielsweise aufgrund einer völlig verantwortungslosen Bevölkerungspolitik in Afrika. Ebenso kein Wort, dass der Wohlstand im vielgescholtenen „Westen“ zumeist durch harte fleißige Arbeit geschaffen wurde.
Das Publikum an diesem Abend sieht die Welt jedenfalls ähnlich wie ihr Idol, dass übrigens wegen einer Zugverspätung eine Viertelstunde später zu lesen begann und dann auch noch regelrecht in den Vortragsraum hineinstolperte. Es werden Thesen von global agierenden Oligarchen, natürlich aus den USA, entwickelt, die ein großes Interesse an „massenhafter Volksverdummung“ hätten, wie ein älterer Herr anmerkt. Oder dass bewusst Fakten vertuscht würden, um die Wahrheit hinterm Berg zu halten, ergänzt ein Zweiter. Die meisten sind sich an diesem kühlen Frühlingsabend auf Gut Geisendorf einig, dass tatsächlich der Westen allein am Elend dieser Welt schuld sei. Und das man dies schon immer gewusst habe. Mehr noch: Es sei höchste Zeit, endlich ernsthaft die Systemfrage zu stellen. Mal wieder.









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