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Anmerkungen zur Inszenierung „Der Biberpelz“

28. Januar 2022 | Von | Kategorie: Cottbus |

Biberpelz

Eine feine Familie, diese Wolffs: Vater Thomas Harms, Töchter Julischka Eichel a.G. und Lisa Schützenberger sowie, immer voran, Mutter Wolffen alias Susann Thiede. Foto: Marlies Kross

Cottbus. Da schrubbt und kocht keine ganz arme Waschfrau. Diese Wolffen von Susann Thiede ist die waghalsig-mutige, löwenstarke Mutter, die das Beste will für sich und ihre Kinder, den sozialen Aufstieg „zu det Bürgerliche“, mit abbezahltem Häuschen, bisschen Einkommen aus einer Gästewohnung vielleicht. Vorerst aber muss sie kämpfen, hochriskant wildern, schachern, sogar gelegentlich klauen. Mal Brennholz, mal gar einen Biberbelz vom alten Krüger.
Das passiert hier auf der Cottbuser Bühne alles geradezu plakativ unter(halb) der lakaienhaften Obrigkeit. Alexader Wolf hat auf die Drehscheibe einen Aufstieg gebaut, den oben der Amtsvorsteher (Sigrun Fischer) begockelt, während genau darunter im (woher auch immer kommenden)Wrasen die Wolffen krakeelend philosophiert. Ihre Mädels Julischka Eichel und – sehr schön wabernd – Lisa Schützenberger sind nicht zu halten, durchbrechen unbedarft das höchstkaiserlich geordnete Schema von oben und unten, während Zimmermann Julius (Thomas Harms) vor sich hin brubbelt und ohne seine Wolffen nichts weniger als ein zielloser Lumpenprolet wäre. Welch eine Familie!
Gerhart Hauptmann hat sie 1893 auf die Bühne gebracht und mit diesem und anderen Stücken dem pathetischen deutschen Theater eine neue, sozialkritische Dimension gegeben. Zunächst nicht hier, aber international brachte ihm das Anerkennung bis hin zum Nobelpreis für Literatur 1912 ein.
Regisseur Armin Petras hat genau hingeschaut, woher die große Kraft dieser am Ende etwas wirren Hauptmann-Geschichte kommt und mit Hilfe seines Dramaturgen Ludwig Haugk herausgefunden, dass es die Sprachebene aus dem Sammelsurium grammatikalisch grotesker Dialekte ist, die das Geschehen so authentisch macht. Er hat die Kunst nicht im Weglassen, sondern im Hinzufügen gesucht, und einigen Männerrollen noch Frauen angedichtet, sonst aber am Text nur behutsam „gebessert“, was den Titelzusatz „in einer Bearbeitung“ rechtfertigt.
Mit diesem „Biberpelz“ erlebt das Cottbuser Publikum nach einer Zeit der Dürre wieder kraftvolles Schauspiel mit prallen Figuren und verschlagenem Humor. Es schadet nicht einmal, dass aus dem Ort „Wald“ hier „Spreewald“ und im Text manchmal richtige Lausitz wird. Zur Ausstattung gehört gar ein bei Hauptmann nicht gebuchter Spreewaldkahn, und das Bühnengeschehen gleitet zuweilen per Video (sensibel aufgenommen in der Cottbuser Umgebung von Rafael Ossami Saidy) in eine, dem abgeholzten Bühnenbild entsprechende, kahle Wald- und Wasserlandschaft. Perfekt!
Spannungsreich reibt sich das Wulffsche Millieu an den Typen eines spleenigen Überbaus. Da ist der versehrte Dorfspitzel Motes (Kai Börner) mit seinem geilen Weib, das beinespreizend ohne Text auskommt (Sophie Bock). Er denunziert den subtil intellektuellen Dr. Fleischer (Gunnar Golkowski), womit sich eine politisch überhöhte Ahnungsebene für den Karrieristen von Wehrhan ergibt, unter der die kleinkriminelle Wilderei erst unbestraft stattfinden kann. Nutznießer der jammervollen Verhältnisse ist der lustvoll feilschende Schiffer Wulkow (Amadeus Gollner), der Fallenstellern das Wild abkauft, das diesmal allerdings in ganz anderer Weise Verwendung findet, nämlich als feiner Braten zum Abschlussfest, das Bearbeiter Petras für alle organisiert hat, um zum versöhnlich-aussichtslosen Schlussbild zu kommen. Alle, vom geschädigten, sonst sehr zurückhaltenden Rentier Krüger (Horst Kotterba a.G.) über den Amtsdiener (Johannes Scheidweiler) bis hin zur (u.a. hinzugefügten) Schiffersfrau (Ariadne Pabst) haben hier ihr Vergnügen, und nicht einmal die Wolffsche Tochter trägt es dem knorrigen alten Krüger nach, dass er sie zwingen wollte, nachts die Holzscheite wegzuräumen, die von einem großen, imposanten zweirädrigen Karren auf die Bühne polterten. Alle liegen sich im Angesicht einer gedeckten Tafel jauchzend in den Armen – wie heute auch im flattrigen Leben. Cinzia Fossati hat das Personal charaktervoll angezogen, und der Leipziger Philipp Weber geigt an der Seite nachdenkliche Noten.
Der Beifall war stark, aber nicht euphorisch, denn der Stoff hat durchaus etwas Beklemmendes.
Die nächste Vorstellung findet am 29. Januar 2022 um 19.30 Uhr statt. J. Heinrich

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