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Räumt „Branitz Garden“ endlich die Scherben auf?

10. August 2018 | Von | Kategorie: Cottbus, Wirtschaft |

Berliner Investoren wollen die Branitzer Siedlung abrunden / Anlieger hoffen, die Verwaltung blockt.

Cottbus (hnr.) Wer an der Branitzer Siedlung das Ortsausgangsschild passiert, nimmt das Scherbenelend linkerhand hinter Buschwerk kaum noch wahr. Umso mehr belästigt es die Anlieger in der Liebermann-, Holbein- und den anderen nahen Siedlungsstraßen. Seit 2003 die Gartenbau-Genossenschaft den Betrieb einstellte, verfallen die einst stattlichen Gewächshäuser. Trotz Einfriedung sind Vandalismus und düstere Umtriebe an der Tagesordnung.
Besitzerwechsel
Aus der Insolvenz war das Gelände in die Hände des holländischen Mercedeshändlers Gisbert Vos geraten, der hier Spargel unter Glas treiben wollte. Als er merkte, dass dieses Lieblingsgemüse der Lausitzer im Sand unter Folie viel ertragreicher sprießt, suchte er Käufer mit einem aussichtsreicheren Konzept. Die Berlin-Brandenburger Benjamin Barth und Julia Grelke (beide Gesellschafter, sie zudem Geschäftsführerin) traten mit ihrer Branitz Garden GmbH auf den Plan und hofften trotz der schlechten Zustands der Immobilie auf ein gutes Geschäft. Der günstige Kaufpreis ließ die Entsorgung von Schrott, Glas und Mauerwerk und die Entsieglung der Fläche (zu 90 %) sowie die verkehrs- und medientechnische Erschließung des Gebiets auf eigene Kosten machbar erscheinen. Im Juni 2017 wurde also der Kauf eines bebauten Grundstücks in Cottbus beurkundet: Cottbus, Gemarkung Branitz, Flur 1, Flurstück 845, nach dem Krieg mal zersplittertes Neubauernland, war nun in einer Hand und sollte zu einer Wohnsiedlung, ähnlich schön wie die bis hierhin reichende Branitzer Siedlung, entwickelt werden. Junge Menschen sollen sich den Traum vom eigenen Heim mit Garten verwirklichen können. Der Bedarf dafür ist groß in der Stadt, die sich nach den Energiezentrum-Jahrzehnten neu aufstellt.

Räumt „Branitz Garden“ endlich die Scherben auf?

Den Glanz der Branitzer Siedung (l.) trübt seit 15 Jahren eine scherbenreiche Altlast – die größtenteils zersplitterten Gewächshäuser der ehemaligen Gärtnerischen Produktions-Genossenschaft (GPG) „Stadt Cottbus“. Deren Nachfolgeunternehmen, die Cottbuser Gartenbau e.G., gewerblich als Großmarkt angemeldet, stellt im November 2003 ihre Gewerbetätigkeit ein. Jetzt möchte die Berliner Branitz Garden GmbH die Flur entsiegeln und mit weiteren Eigenheimen abrunden, so wie es in den 1930 er Jahren beabsichtigt war, als Pücklers das Gelände an die Stadt verkauften. Die heutige Stadtspitze hingegen möchte hier einen Botanischen Garten entwickeln

 

Räumt „Branitz Garden“ endlich die Scherben auf?

Der Entwurf der ergänzten
Branitzer Siedlung:
Links die Forster
Chaussee, oben die
jetzt nur einseitig be-
baute Liebermannstraße.
150 Einzelgrundstücke
zu je mindestens
600 Quadratmeter
entstehen

Das Projekt
Im Antrag auf einen Vorbescheid reicht Branitz Garden Geschäftsführerin Julia Grelke das Bauvorhaben „Errichtung von Einfamilienhäusern“, wie es Dipl.-Ing Uwe Müller aus der Cottbuser Marienstraße entworfen hat, bei der Unteren Baubehörde ein: Etwa 150 Eigenheimparzellen, je mindestens 600 Quadratmeter, sollen mit guten Straßen, Beleuchtung und viel Grün entstehen. Bauen würden die bekannten Cottbuser Firmen. „Deren Interesse“, sagt Benjamin Barth, „ist da; wir haben mit verschiedenen Unternehmern gesprochen, auch mit anderen Leuten, die die Cottbuser Situation gut kennen. Es gäbe eine Menge Arbeit für viele Menschen.“ Aber Barth, der seit 2003 Projekte an unterschiedlichen Orten umgesetzt hat und ganz aktuell gerade in Kolkwitz sehr erfolgreich tätig ist, wundert sich: „Noch nie sind wir von einer Verwaltung so abgeblockt worden.“
Pücklers Kutschweg
Nein, bissige Baulöwen, die Fremde abschrecken, sind das nicht. Es geht offenbar um den Lieblingstraum von Bürgermeisterin Marietta Tzschoppe (SPD), die den weit gespannten Außenpark mit einem (vermutlich) historischen Kutschweg einrahmen möchte. Dem täten ein paar hübsche Häuschen kaum Abbruch, denn Pückler empfand Siedlungsnähe, soweit sie seinen Kernpark nicht störte, als besonderen Wert. Auch deshalb setzte er sich energisch für den Wiederaufbau des Schlossturms ein, und seine Nachfahren verkauften in den 1930er Jahren das Gebiet der heutigen Branitzer Siedlung an die Stadt, damit hier Häuser entstehen konnten. Die Branitz Garden Leute erwarben also BEBAUTES Land, und wollen es – ganz in Pücklers Sinn – in „ornamental land“, in aufgeschmücktes Land, verwandeln. Dass der Kutschweg, wie jetzt ein archäologischer Schnitt ergab, nur ein selten benutzter, immer wieder mit Haushaltsschutt der Anlieger aufgefüllter Feldweg war, sollte die Außenparkplaner nicht erschüttern. Aber wenn schon, mag er auch an wirklicher „ornamental farm“, und nicht an Acker (!), den die Stadt jetzt für Flurstück 845 vorsieht, entlangführen.
Irritieren muss die Einlassung von Bearbeiter Torsten Bertram in einem Bauaufsichts-Schreiben vom 24.8.2017 an die Branitz Garden GmbH: „Der derzeit gültige Landschaftsplan weist für die Fläche eine Grün-, Frei- und Erholungsfläche mit dem Schwerpunkt zur Entwicklung eines Botanischen Gartens aus.“ Abgesehen von dem absurden Einfall, an einen Botanischen Garten zu denken, wo es an den nötigsten Mitteln für den vorhandenen Zoo fehlt, soll hier das Wort eines bodenständischen Unternehmers direkt vor Ort zitiert sein: Martin Matzk betreibt in der Liebermannstraße, direkt gegenüber dem Eingang zur umstrittenen Flur, eine moderne Autowerkstatt mit mehreren Mitarbeitern. „Obwohl es mir für Parkgärtner Claudius Wecke, mit dem ich befreundet bin, leid tut, muss ich sagen: Wir leben nicht von Bäumen, sondern von Kunden. Ich würde mich sehr über ein lebendiges Wohngebiet freuen. Wir würden uns auch selbst an der Erschließung zeitgemäßer Parkplatzflächen beteiligen.“ Ein maßgeblicher Kommunalpolitiker entgegnet: „Da sieht man’s – immer geht es um Eigeninteressen.“ In Cottbus ist noch nicht bekannt, dass nur die Summe der Eigeninteressen aller Unternehmer den Wohlstand der Stadt und die Arbeitsplätze schafft.
Auf UNESCO hoffen
Alle – die Stadtverwaltung, die Abgeordneten, die Anlieger und Unternehmer in der Siedlung, die Stiftung Branitz sowieso und auch die Branitz Garden GmbH (die ihr Glück ja still darauf baut) achten und schätzen das Pücklersche Erbe und die Entwicklung eines „Pücklerlandes“ bis hin zum Ostsee. Allerdings offenbaren Vorlagenbegründungen und Schreiben an die Berliner Investoren eine lähmende Übertreibung in der vagen UNESCO-Angelegenheit.
Ihretwegen stellt die Stadt ganze Erwartungsgebiete unter Schutz. In fast panischer Hektik ist nach (!) dem Erwerb der Gewächshausfläche durch Branitz Garden am 27.9.2017 ein Stadtverordnetenbeschluss gefasst worden, der die betreffende Flur unter Denkmalschutz stellt, um eine Wohnbebauung zu verhindern. In der Beschlussbegründung heißt es: „Im Rahmen einer Vorkaufsrechtsanfrage in Juni 2017 (hat die Stadt) Kenntnis davon erlangt, dass das Grundstück der ehemaligen Gärtnerei von Privat an Privat verkauft wurde.“ Der Stadt stand kein Vorkaufsrecht zu, also wendet sie die ihr zu Gebote (?) stehenden Mittel gegen Privat an.
Das ist kein Denkmal
Privat muss hier also den teuren Rechtsweg nehmen. Anwalt Frank Mittag (der die Altanschließer-Schande beendete) hatte Stadtverordnete schon auf einige Rechtsprinzipien im Denkmalschutz hingewiesen. Ohne erkennbaren Erfolg. Nun vertritt er die Branitz Garden GmbH.
Er verweist darauf, dass die Stadt Cottbus bereits 1993 für Flur 845 eine Baugenehmigung gemäß der Brandenburgischen Bauordnung erteilte. Das Flurstück ist demnach gesetzwidrig in den Denkmalsbereich „Branitzer Parkland“ (22.4.2006) gekommen. Zudem stellt Mittag entsprechend Denkmalschutzgesetzt fest: Denkmal kann nur Gegenständliches sein, nicht also Pücklers Gedanke, eine „ornamental farm“ anzustreben. Ideen werden nicht vom Denkmalschutzgesetz erfasst; insofern ist der Aufstellungsbeschluss, Flur 845 in den Denkmalbereich aufzunehmen, gesetzwidrig. Meint der Anwalt, der zudem vor Überhöhungen warnt: Wenn Branitz als „bedeutsamster Landschaftspark Europas“ bezeichnet wird, mag in Cottbus „der Wunsch Vater des Gedankens“ sein. Der Branitzer Landschaftspark, so fand Mittag heraus, ist nicht einmal in der Denkmalliste des Landes Brandenburg enthalten. „Das könnte schwerwiegende Folgen haben“, warnt Mittag. Wenn die Stadt Teile des Pücklerschen Erbes rechtswidrig unter Denkmalschutz stellt, würde die UNESCO wegen erkannter Übertreibung die Schutzwürdigkeit fallen lassen.
Satte Gebühren
Der Stand der Dinge ist, was die Glashausscherben der Siedlung betrifft, derzeit für fast alle Seiten unbefriedigend. Für die Anlieger, die endlich den Gefahrenherd beseitigt haben wollen, und für den potentiellen Investor sowieso.
Nur die Verwaltung der Stadt Cottbus selbst kann vorerst zufrieden sein: Sie hat das Bauvorhaben als unzulässig beschieden. Die Gebühren dafür belaufen sich auf
63.600 Euro. Fällig zum 20.6.2018.

Räumt „Branitz Garden“ endlich die Scherben auf?

Die verlängerte Holbeinstraße führt direkt auf das Eingangstor der einst stolzen GPG zu, die vor 1990 Westberlin mit erstklassigen Pelargonien und die Stadt Cottbus mit Frühgemüse versorgte. Direkt hinterm Fernwärmerohr verfallen die Glashäuser. In dreien produziert noch die Berliner Tafel. Obwohl das Anwesen gesichert ist, gibt es immer wieder Vorfälle von Vandalismus. Aber die Eigentümer klagen auch über behördlichen Hausfriedensbruch. Die Branitzer Randlage ist angespannt Fotos: J.Hnr.

Räumt „Branitz Garden“ endlich die Scherben auf?

So war Pücklers „ornamental farm“ (aufgeschmückte Landwirtschaft) ganz sicher nicht gemeint. Die Grundstücke der Liebermannstraße sind gepflegt, die Straße selbst aber verkommen. Noch aus tiefen DDR-Zeiten liegen hier die Panzer-Betonplatten. Teilnehmer der Fahrradkonzert-Tour vor zwei Wochen holperten entsetzt darüber. „Die Stadtverwaltung wurde hier erst aktiv, als es um die Verhinderung der möglichen Investition ging, sagt Klaus-Peter Thiel, Branitz-Garden-Bevollmächtigter in Cottbus

Verspekuliert

Aus der Sicht des Stadtverordnetenvorstehers Reinhard Drogla (SPD) gibt es für das Branitz Garden Projekt, so wie es aktuell vorliegt, kaum Chancen. Nach seiner Kenntnis haben die Investoren, die er „leider nicht persönlich kennt“, kein Bauland erworben, sondern Gartenland. Bei einer Voranfrage im Rathaus hätte das geklärt werden können. Er sei erfreut über Investoren, die ihr Geld in Cottbus erfolgversprechend anlegen wollen. Aber dies sollte so erfolgen, wie es die von den Abgeordneten beschlossenen Leitlinien der Stadtentwicklung vorsehen. Demnach soll sich die Stadt nicht nach außen, sondern nach innen entwickeln und zudem „ihren Schwerpunkt in Richtung Ostsee drehen“.
Drogla empfiehlt Grundstückserwerb und -entwicklung im Bereich Dissenchen in Richtung Ostsee bzw. in Neu Schmellwitz, wo stadttechnisch gut erschlossene Flächen nach dem Abriss von Plattenbauten zur Verfügung stünden.
Der Stadtverordnetenvorsteher erinnert daran, dass es schon schwierig war, einzelne Baugenehmigungen in Branitz (1993 eingemeindet) zu erteilen, um den erhofften UNESCO-Zuschlag nicht zu riskieren. Aus eben diesem Grund sei das historische Bahnsteigdach der Parkeisenbahn nicht genehmigt worden. Den Bedenken von Rechtsanwalt Mittag und einiger Experten, die Bewertung des Parkes „von europäischer Bedeutung“ sei übertrieben, will Drogla nicht folgen.
So bleibt am Ende abzuwarten, wer sich verspekuliert: Investoren, die nach günstigem Land suchen, oder die Stadt, die um eines sehr vagen Titels willen Entwicklungen unterdrückt. h.




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