Cottbuser Architektur der Jahrhunderte im wohlwollenden Fachurteil / Von Verlusten, Modellstadterfolgen und neuen Risiken.

Cottbus. Welch ein Werk! Sechs Professoren und elf weitere Wissenschaftler und Experten haben das Bauen, das Werden, Vergehen und Neuentstehen der Stadt Cottbus untersucht und anregend, mitunter gar aufregend, beschrieben. Eine Monografie ist entstanden aus dem Blickwinkel beteiligter Architekten, aber auch Historiker, Soziologen, Archäologen, Kunstwissenschaftler und natürlich Stadtplaner. Unverkennbar federführend, nicht nur als Herausgeber sondern auch konzeptionell, tritt Prof. Heinz Nagler hervor, von 1994 bis 2020 Inhaber des Lehrstuhls für Städtebau und Entwerfen an der BTU Cottbus-Senftenberg. Ihm verdankt Cottbus den Altmarkt als „Gute Stube“ in heutiger Gestalt. Aber die Autoren fallen nicht gleich mit den Highlights ins Haus; selbst die Objekte für die „Weltkarte der Architektur“ finden wir erst auf Seite 171. Immerhin stehen sie typisch für die Breite des angelegten Werkes – von der Glas- und Stahl-Amöbe heutiger Superstars der Architektenwelt bis zum Gartenreich des genialen Exzentrikers in Branitz. Die ikonischen Objekte liegen weit voneinander entfernt, doch es wird sich finden in den locker gebauten zehn Kapiteln, dass Werthaltiges stets dort entstand, wo sich Bewahrtes mit Avantgardistischem verträgt.
Locker steigen die Experten ein ins Thema, überlassen dem Fotografen Matthias Kester 14 Seiten für DDR-Architektur unter blauem Himmel und einige Beispiele gebauter Stadtentwicklung anderer Epochen. Dann geht es weit zurück: Prof. Günter Bayerl erschließt „technologische Habitate“, zeigt frührevolutionäre Prozesse, die dem Landvolk den „Lebensraum Stadt“ entreißen. An den Mühlengräben packt die Industrialisierung zuerst zu (Ostrower Damm), der Marktort entsteht. Diese Prozesse werden auch archäologisch unterlegt und mit Stadtplänen von 1720, 1767, 1821, 1861, 1892, 1894 und 1927 gut nachvollziehbar illustriert. Überhaupt liegt ein großer Vorzug des Werkes in der Arbeit mit grafischen Elementen, vorzugsweise Karten, gipfelnd in einer ganzseitigen Zwischenbilanz struktureller Veränderungen in der Stadt von 1993 bis 2017. Der traditionelle Schwarzplan (Gebäudebestand) ist um rote (seit 1990 abgerissene Objekte) und grüne (die hinzugekommenen) ergänzt.

Doch zurück zur wilhelminschen westlichen Stadterweiterung, zum Siedlungsbau (Räschener Straße, Arndtstraße) und zum „Neuen Bauen“ (Berliner Straße mit Märchenhäusern) bis hin zu Bauhaus-Signalen (Kupferhaus Schmellwitz, Kaufhaus Schocken Schlosskirchplatz) – all diese Entwicklungsphasen der Stadt sind fundiert, auch angemessen kritisch, behandelt.
Mit Kapitel fünf setzt das Bauen in der DDR ein. Sorgfältig recherchiert (und mit Plänen belegt) sind die teils radikalen Stadtumbau-Absichten, die der schließlich geglückten, nun verlorenen „Neuen Mitte“ (Stadtpromenade) vorausgingen. Parallel wird der indus-trielle Wohnungsbau behandelt und die bis heute dringliche Notwendigkeit erkannt, die Stadt von außen nach innen zurückzubauen, wenn sie funktionieren soll. Stattdessen wird aber eine weiteren Satellitenstadt am Ostsee gebilligt.
Nicht aufgearbeitet bis in die Gegenwart ist der Umgang mit der Ost-Moderne, dem hier sehr gelobten Ensemble Stadtpromenade. Ihr blieb das Publikum (bis heute) weg, unter anderem wegen der Zugkraft der Märkte an der Peripherie. Während die Autoren ihr großartiges Buch in der Hoffnung, impulsgebend gearbeitet zu haben, druckfertig machten, investierte ein Handelsunternehmen in Groß Gaglow 100 Millionen Euro in einen neuen Markt. Grau bleibt so die Theorie. Sie liest sich hier dennoch spannend. J. Heinrich
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