Ein flüssiger Vier-Sparten-Neuanfang

Anmerkungen zu „Romeo und Julia“ – Tragödie in vier Künsten, inspiriert von Intendant B. Schneider und GMD A. Merzyn, Regie: Philipp Grigorian.

Romeo und Julia singend - Alexey Sayapin / Sonja Isabel Reuter
Romeo und Julia singend – Alexey Sayapin / Sonja Isabel Reuter. Foto: © Jochen Quast
Romeo und Julia tanzend - Jorge Concepción Leal / Alessandra Armorina.
Romeo und Julia tanzend – Jorge Concepción Leal / Alessandra Armorina. Foto: © Jochen Quast

Cottbus. Mit ein paar bescheidenen Grußworten an erwartungsvolle Besucher im Parkett und den Rängen im ausverkauften Jugendstiltempel eröffnete der neue Intendant Berthold Schneider die Spielzeit im Cottbuser

. Der geborene Marburger war vordem Intendant am Wuppertaler Opernhaus und stellte gleich klar, dass er die volle Klaviatur der vier Sparten anschlagen werde – ein Reiz, der mit Shakes-peares „Romeo und Julia“ grandios zur Geltung kam. Ein Sibirier, der in Moskauer Umbruchzeiten nach 1990 Schauspiel studiert hat und schon dort Fan des deutschen Theaters war, hat die Regie der „Tragödie in vier Künsten“ übernommen. Multitalent Philipp Grigorian, der üblicherweise für seine Regiestücke auch das Bühnenbild liefert, erklärte im Interview: Diese Mixtour war gar nicht seine Idee, die kam vom neuen Intendanten und Alexander Merzyn gab den musikalischen Rahmen. Somit war das Projekt klar und kam durch die kreativen Beteiligten wie von selbst in Fluss, er brauchte „nur noch etwas nachsteuern.“ So leicht geht Theater!

Die Geschichte von den Liebenden, die verfeindeten Familien angehören und am Ende in tragischem Missverständnis sterben, hat die Menschheit seit Jahrhunderten im Hinterkopf. Grigorian, der besser englisch als deutsch spricht, begeisterte sich an der schönen Sprache und der Leidenschaft junger Menschen und ließ doch der Musik den Vortritt. Merzyn präsentiert in feierlicher Strenge Hektor Berlioz’ „Roméo et Juliette“, wortlos eigentlich, bis Luzia Tietz mit ihrem klaren Sopran als Contralto von Minne und Nachtigall säuselt und sich durch die Violinen schlängelt. „Was fassen sie mich an!“ schreit da ein Geiger, springt in wilder Raserei auf und zerschmettert sein Instrument. Der Dirigent und nach ihm alle Musiker verlassen ihre Plätze. Die Würde ist im Eimer, das Trauerspiel wird zum Klamauk. Der Geiger „entlarvt“ sich, wutschnaubend und von Schuld und Hass philosophierend, als Schauspieler (der großartige Amadeus Gollner), der alsbald in populistischem Geschrei den Mob (den wieder vielfältigen Opernchor) auf seiner Seite hat. So gelingt der Übergang vom der Musik zum Schauspielen und bald schon greift das Ballett das Thema Ekstase, nun vom Orchester aus dem Graben getragen, in hohem Tempo und bildschönen choreografischen Ideen auf. Prokofjews Ballett lebt auf, hier in der Choreografie von Imma Lòpez, und so setzen sich die Wellen dieses Flusses der Künste fort, immer wieder wechselnd in harmonischen Übergängen oder auch mal an Wehre prasselnd, wo Moderatoren (Daniel Scholz als Gast aus Görlitz) oder die Inspizientin (Lucie Luise Thiele) ordnend in die Szene treten.

Romeo und Julia. Ein Tragödie in vier Künsten. Szenenfoto mit Damen und Herren des Opernchors und Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters. Am Pult der Musikalische Leiter GMD Alexander Merzyn. Über allen in der Mondscheibe ein entsetztes Auge.
Romeo und Julia. Ein Tragödie in vier Künsten. Szenenfoto mit Damen und Herren des Opernchors und Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters. Am Pult der Musikalische Leiter GMD Alexander Merzyn. Über allen in der Mondscheibe ein entsetztes Auge. Foto: © Jochen Quast

Am Ende bleiben die im Lustspielhaften flatternden „vier Künste“ ein Trauerspeil, und das Titelpaar prägt sich dreifach ein. Im Schauspiel verkörpern es in heutiger Manier, die schöne Sprache ohne falsches Pathos bedienend, Daniel Krimsky und die schon jung preisgekrönte Hamburgerin Dominika Hebel als Gast. Beider Minen sind live auf den Mondscheiben zu sehen (Video: Oleg Mikhailov, top Technikeinsatz).

Das Theater kommt nach draußen, in die Stadt, so das Versprechen des neuen Intendanten, der sogleich einen „Leiter Spielstätten Stadt“ bestellt hat. Am Premierenabend versammelte seine Idee trickreich Theaterbesucher und Nicht-Besucher vor der Architektur-Ikone. Lichtkünstler Gregor Eisenmann aus Wuppertal kehrte mittels Videomapping das Innere des Hauses effektvoll nach außen. Ein „Feuerwerk“ der ganz besonderen Art!
Das Theater kommt nach draußen, in die Stadt, so das Versprechen des neuen Intendanten, der sogleich einen „Leiter Spielstätten Stadt“ bestellt hat. Am Premierenabend versammelte seine Idee trickreich Theaterbesucher und Nicht-Besucher vor der Architektur-Ikone. Lichtkünstler Gregor Eisenmann aus Wuppertal kehrte mittels Videomapping das Innere des Hauses effektvoll nach außen. Ein „Feuerwerk“ der ganz besonderen Art! Foto: Jürgen Heinrich

Gesungen werden die Liebenden von dem hier vertrauten Alexey Sayapin, der ohne stimmliche Nebenwirkung einen Infekt überwunden hatte, und von der jungen Sopranistin Sonja Isabel Reuter, die aktuell auch die Gisela im „Messeschlager“ singt. Beiden galt viel, viel Beifall. Nicht mit dem Leben davon kommen – wie in der ersten Prokofjew-Fassung – Jorge Concepcion Leal und Alessandra Armorina, die im modernen Bühnentanz ihren Mut und ihre große Liebe gegen die Welt der verfeindeten Lager vorführen. Wie wunderbar, das alles, und wie trotz aller Wagnisse doch so stimmig am Ende. Das Publikum jubelte und sieht beglückt einer schönen Spielzeit entgegen. Jeder, der Theater mag, sollte dies Werk erleben. Aber kaufen Sie nicht Stuhl 14 in Reihe 4 oder 15 in Reihe 3. Dort sehen sie nicht den Strichmännchen-Comic in der Mondscheibe zu Beginn. Der Dirigent steht davor. J.Heinrich

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