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Fremden kann man niemals trauen

Feuilleton | Von | 27. Januar 2017

170128 mamma medea 25

Weit voneinander entfernt in dieser kubistisch kalten und unsteten Fremde (Bühne Gundula Martin): die Liebenden und Widerstreitenden Medea (Lisa Schützenberger) und Jason (Gunnar Golkowski)

Anmerkungen zu Mario Holetzecks Inszenierung von „Mama Medea“

Cottbus. Der Stoff der „alten Griechen“ gehörte selbst an höheren Schulen nur in Ausnahmefällen zum Bildungsprogramm in diesen Breiten. Umso härter ist der Aufschlag, wenn wir uns in mehr als zweieinhalb Jahrtausende alten Stoff versenken. Heiße Leidenschaft, tiefe Gefühle und  schockierende Brutalität jagen einander. Aber auch Sehnsucht, Glück, zartes Empfinden, geile Gier, Mut und Stolz sind beschrieben. Als läge nichts Wesentliches zwischen damals und heute – so kommt „Mama Medea“ in diesem Theater daher. Alte oder neue (fremde) Nachbarn eben. Was wissen wir schon über deren Glücksmomente und Abgründe…?
„Den Fremden kann man niemals trauen“ ist ein Kernsatz des Stü-ckes, der sich im Handlungslauf widerlegt. Große, sehr verschiedene Kulturen treffen aufeinander in die sich – das bleibt – einzelne nicht ohne weiteres untermischen lassen. Nicht einmal mit den Riesenkräften der Liebe und gar der Mutterliebe.
Mario Holetzeck hat den Weg zu den Klassikern verkürzt, indem er sich des Stücks des Belgiers Tom Lanoye bediente, das um 2 000 an europäische Bühnen kam. Jason  (Gunnar Golkowski) fährt mit seinen Argonauten übers Schwarze Meer, um den Barbaren das Goldene Flies zu entreißen, das für sein Volk Symbol des Selbstverständnisses ist. Er trifft auf einen tyrannisch-gütigen König (souverän Michael Becker) und vor allem auf die Königstochter Medea (Lisa Schützenberger), die dem schönen und starken Mann sofort leidenschaftlich verfällt. Noch sind zivilisatorische Grenzen nicht himmelhohe Sittenmauern; den eigenen Bruder zu schlachten, um den Vater zu bezähmen, ist gängige Norm. Medea, Zauberin über dem Irdischen, setzt alle legitim-schrecklichen Mittel ein, um sich in Würde nach eigenem Maß zu verwirklichen. Ihre Neffen müssen sterben, und viel später, als sie an Fremdheit und Verlust des Geliebten scheitert, sogar die eigenen Kinder.
Holetzeck erzählt die Geschichte ohne Radau in besonnenen Bildern und in wechselnder Rhythmik. Ihm steht ein kubisch-dynamischer Bühnenraum zur Verfügung, der die Figuren in Enge und Weite, jedoch immer in anonymer Kälte ganz auf sich bezogen  präsentiert. Genial geführtes Licht (Dirk Seeber) und wortlos auf tanzendes Bewegen (Choreografie Gundula Peuthert) reduzierter Dialog, aber auch videotechnisch (Oliver Seidel) eingeblendete innere Monologe führen zu ahnungsweisem Erkennen. Was fühlt Medea? Was treibt Jason? Was zerstört sie? Warum fallen Schüsse zuletzt?
Großartig entfaltet sich die junge Lisa Schützenberger in heißer Lust und quälendem Schmerz. Golkowski hält sich in jeder Phase, zuweilen in berechnender Kälte, als männlicher Souverän.
Die Handlung, mal heftig getrieben, mal geschleppt, profitiert vom aktustischen Bett, einer Art Filmmusik, von Hans Petith und  klassischen Kostümen (Susanne Suhr) als Bekenntnis zur ur-griechischen Fabel.
Ergreifendes, gutes Theater wird dargeboten. – Am Schluss persönliche Worte: Gunnar Golkowski dankt Mario Holetzeck für neun Jahre hier in Cottbus.     J.Hnr.  



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