Im Städtchen Odry in Tschechien schnappen die Forellen noch im Gebirgsfluss nach Sauerstoff, dann, in der Industriestadt Ostrava ist das vorbei. Die Oder quält sich durch Kanäle.

Wir treffen sie, wieder befreit, in ihrer letzten tschechischen Stadtumgebung – in Oderberg / Bohumin. Die Stadt hat heute 20.600 Einwohner und hervorragende Stadtgärtner. Es blüht prächtig überall, besonders vorm Rathaus, vor dem einst die Straßenbahn hielt, die erst Pferdebahn, dann dampfbetrieben und ab 1916 elektrisch war. Das ist lange her, aber die jetzt nahezu ausschließlich tschechische Bevölkerung erinnert ihre Besucher mit vielen Fotos stolz an diesen einst deutschen Glanz. Um 1600 und davor war Joachim Friedrich von Brandenburg hier Markgraf, jener Kurfürst, dem alle Kaschuben, Wenden und Pommern unterstanden und der auch Herzog von Crossen war, wo uns die Oder noch hinführt. Nach dem Schlesischen Krieg war die Gegend von Oderberg teils österreichisch, teils preußisch, diverse Adelsfamilien machten aus Bürgerhäusern „Schlösser“, aber am Ende trümmerte der Krieg alles kaputt. Der Fluss trug den Kummer nordwärts ins nun polnische flache Land, aus dem ein einstiger Vulkanhügel aufragt und schon vor Jahrhunderten zum Heiligtum wurde. Es entstand dort ein Kloster und Wallfahrtsort: St. Annaberg (vormals St. Georg) blieb bis heute ein Zentrum des religiösen Lebens in Oberschlesien.

Im Weichbild davon erholt sich unser Fluss unreguliert, und malerische Mäander bilden zusammen mit den umliegenden Wiesen und Wäldern ein geschütztes Stück Natur, ausgewiesen als „Natura-2000-Gebiet“ mit Aussichtsturm und Naturlehrpfad. Außer einem Stauwerk kurz vor Racibórz stellt sich der Oder hier nichts in den Weg und sie trödelt auf wie mit dem Lineal gezogenem Weg nordwärts der Zweit-Hauptstadt der Euroregion Silesia (Schlesien) entgegen. Die andere Hauptstadt heißt Ostrava – ein grenzübergreifendes Fördergebiet also, so wie hier das unsere zwischen Spree, Neiße und Bobr.

Die einst polnische Residenzstadt Ratibor (schlesisch: Rattebor) feiert den Oderfluss mit größter Herzenswärme, auch wenn er ihr bisweilen, wie beim Jahrhunderthochwasser 1997, viel Kummer beschert. Die Menschen lieben hier ihren Fluss und suchen seine Nähe wann immer sie können. Nicht zufällig haben wir Ratibors Kunstwerk „Matka Polka“ als Titelbild dieser Flussgeschichte erwählt. Jan Borowczak formte die Frau 1973 zu Ehren der patriotischen schlesischen Mütter. Sie symbolisiert Stärke und Entschlossenheit, und wir spüren zugleich die unversiegbare Kraft des großen Flusses, aus dessen unmittelbarem Ufer sie wächst, hier am Bulwary Nadodrcanskie Lewobrzezne, zu gut deutsch: Linksseitige Oder-Promenade. Gegenüber liegt ein an Wochenenden sehr belebter Park mit dem teils

restaurierten Schloss. Brücken verbinden die Ufer, weiter westlich sind beiderseits Sitzterrassen angelegt, wo sich Menschen sonnen oder bei günstigem

Wasserstand Regatten beobachten. Noch ein paar Schritte weiter treffen sich im weißen Sand und auf Liegestühlen Familien zur Strandparty am Grill, bei Eisdielen und Erfrischungsgetränken. Oderlust vom Allerfeinsten!

Racibórz, malerisch gelegen an der Mährischen Pforte, aus der wir bis hierher die Oder begleitet haben, hat heute knapp 50.000 Einwohner. Der Name des Ortes ist seit alters her mit der Burg von 1108 verbunden, die dem Ansturm der Mongolen standhielt, später aber nicht mehr genutzt und dann zum Schloss umgewidmet wurde. Doch es gab drin keine
Herrschaft, stattdessen eine Brauerei und verschiedene andere Nutzungen. Wie die Stadt selbst, hat der Krieg auch den Rest des Schlosses verwüstet. Es wird seit Jahrzehnten, etwas intensiver seit 2008, restauriert, und auch am Ring (dem Marktplatz) dauert das Bauen an. Erhalten hat sich dort in der Mitte eine Mariensäule aus dem Jahr 1727, ansonsten wird der Platz etwas unentschlossen historisierend neu bebaut, und obwohl derzeit Bauzäune alle Sichtachsen versperren, nehmen die Einwohner die Sitzangebote der Cafés im Freien gern an.
Die Ratiborcer sind ein geselliges Völkchen, wie wir in Odernähe gesehen haben, und wir schlängeln uns durch breite, verkehrsreiche Straßen zurück zum Fluss. Der galt übrigens früher ab hier als schiffbar, was nun aber längst nicht mehr zutrifft. Aber ausgerechnet ein berühmter deutscher Romantiker, Joseph von Eichendorff (1727-1857), der ganz in der Nähe geboren wurde, hat uns seine Erlebnisse vom Segeln auf der Oder überliefert, die wir uns merken. Kein Geringerer als Einheitskanzler Kohl hat 1989 in einem Gespräch mit Polens Premier Tadeusz Mazowiecki dafür gesorgt, dass Eichendorffs Geburtsstätte an der Oder ausgebaut wird. Moderator Thomas Gottschalk begegnet uns dort in den nächsten Tagen. Nächste Folge: Beim Romantik-Freiherrn








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