Portrait: Konzertpianist Hans-Wilfrid Schulze-Margraf begeht Jubiläum

Hans-Wilfrid Schulze-Margraf
Hans-Wilfrid Schulze-Margraf beim 5. Sinfoniekonzert des Stadttheaters Cottbus am 16.Februar 1956. Auf dem Programm stand das Konzert für Klavier und Orchester a-Moll von Edward Grieg. Foto: Klaus Stopper, Cottbus

Das war vor fünfzig Jahren. Sechs Jahre zuvor war Schulze- Margraf jüngster Student am Stern´schen Konservatorium in Berlin geworden, hatte die Aufnahmeprüfung 1946 mit der Dante-Sonate von Franz Liszt und dem C-Dur Klavierkonzert von L. v. Beethoven bestanden. Der Student der Meisterklasse von Prof. Erny Lamadin konzertierte während des Studiums vielerorts im In- und Ausland.

 

 

 

 

 

 

Erny Lamadin
Einer der ganz großen Momente in der künstlerischen Biografie des Jubilars: Meisterschüler Wilfrid Schulze-Margraf mit Konzertpianistin Prof. Erny Lamadin nach einem Konzert auf zwei Flügeln im “Esplanade” in Berlin. Foto: Ströhla, Berlin

Noch weiter zurück erinnert sich der Cottbuser Künstler an die Einstudierung des Mendelssohnschen Klavierkonzertes Nr. 1, g-Moll, bei seiner Meisterin E. Lamadin. Einstudierungen der Werke des jüdischen Komponisten waren damals verboten. Schulze-Margraf: “Klingelte es an der Korridortür meiner Meisterin, legte sie eine Beethoven-Partitur über Noten von Mendelssohn-Bartholdy.”
Mit zehn Jahren schon gewann Klein- Wilfrid den ersten Preis bei den Potsdamer Kulturtagen, und der berüchtigte “Völkische Beobachter” vermerkte: “Dem Pimpfen Hans-Wilfrid fehlte es an der erforderlichen Beinlänge, so daß das Pedal für ihn unerreichbar war. Mit erstaunlicher Bravour meisterte er Beethoven. Sein zackiges Auftreten riß das Publikum zu Beifallsstürmen hin”.
Das “zackige Auftreten” legte er, wie Fremde wissen, später bald ab. Mit einiger Verbitterung blickt Schulze-Margraf aber auf seine “Kaltstellung” in den 1950er Jahren. Sein westliches Examen wurde im Osten nicht anerkannt. Er war sozusagen arbeitslos und lag den Eltern auf der Tasche. Ihm wurde sogar der erste Preis für Beethovens “Appassionata” beim Instrumenten-Wettbewerb in Karl-Marx-Stadt vom Ministerium für Kultur aberkannt. Auch die Teilnahme am Internationalen Franz-Liszt-Wettbewerb in Budapest untersagte ihm das Ministerium. Auf Grund seiner pianistischen Erfolge ein Jahr zuvor in Holland und Belgien hatte ihn eine Einladung vom Bu-dapester Liszt-Komitee erreicht. Selbst die Fürsprache eines führenden Parteifunktionärs der Bezirksleitung der SED blieb vergebens. “Geh zurück in den Osten, da wird mehr getan für die Künstler als im Westen”, hatte ihm einst seine Meisterin geraten. So war es wohl auch. Aber nicht für Künstler mit West-Examen!

 

 

 

 

Hans-Wilfrid Schulze-Margraf als Kind
Die Bretter, die ihm später die Welt bedeuteten, betrat Hans-Wilfrid Schulze-M. schon früh. Als “Pepperl”, “Piccolo” oder “Boy” gefiel er ab 1941 viele Male dem Cottbuser Publikum. Im Programmzettel stand damals aber auch: “Bei Fliegeralarm Anforderungen der Platzanweiser folgen. Verwundete suchen den Betriebsuftschutzraum Sperrsitz-Wandelgang rechts, letzte Tür auf”. Foto: privat

Erst nach einem erfolgreichen Auftritt in Moskau und der sich daraus ergebenden Einladung in das berühmte Tschaikowski-Konservatorium (übrigens zusammen mit dem Cottbuser Maler Walter Heinrich) änderte sich die Lage. Neben Klavierabenden spielte Schulze-M. nun als Solist in Sinfonie-Konzerten unter den Dirigenten MD Werner Schöniger, Lothar Göthel und GMD Frank Morgenstern die Klavierkonzerte von Beethoven, Schumann, Grieg und Liszt.
Indes: von Konzert-Honoraren allein konnte kaum ein Pianist existieren. Angebote vom Konservatorium lehnte er aber ab. Als Konzertpianist wollte Schulze-Margraf “frei” sein und sich nicht an ein Institut gebunden fühlen. Seine “Brötchen” verdiente er als musikalischer Leiter des Deutsch-Polnischen Ensembles in Guben und als künstlerischer Leiter der Solisten-Gruppe des ehemaligen TKC. Eine enge freundschaftliche Verbundenheit besteht bis heute zwischen dem Cottbuser und dem im Fernsehen vielbeschäftigten Schauspieler Rüdiger Joswig. Das legendäre Heine-Programm in der Stadthalle mit beiden Künstlern gehört für viele zu den prägenden Erlebnissen der Tage vor der Wende.
Bis heute ist der 72jährige ein gefragter Pianist, bei Vernissagen oder bei Kunstgesprächen im DoppelDeck. Sein Witz ist ihm nicht abhanden gekommen: “Früher lagen mir die Frauen zu Füßen und beteten mich an. Heute liegt niemand da und es erfolgt auch kein Gebet. Ich bin sehr traurig!” Aber es bleibt wohl, wie der Schlager der 20er singt: “Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt..”.

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