
Martin Schüler schafft große Gesellschaftsbilder mit Verdis „Don Carlos“:
Cottbus. Welch Klang, Glanz und Geist in diesem Tempel der Musen! Cottbus erlebte eine erneute Sternstunde des Musiktheaters – freilich vom „Protokoll“ weitestgehend unbeachtet. Geradezu anonym hatte sich Justizminister Markov in die vorderen Reihen des Parketts geschlichen. Ansonsten spielte das Staaststheater die Premiere für die vertraute Anhängerschaft.
Gegeben wurde Schiller im Libretto von Josephe Mery und Camille du Locle zur Musik von Giuseppe Verdi: „Don Carlos“ in italienischer Sprache.
GMD Evan Christ zelebrierte das Tonwerk in großem Pathos, Martin Schüler schuf einprägsame, nachhaltig wirkende Bilder. Welch Kontrast zwischen jung hoffender Liebe im Vorspiel und der großen Einsamkeit der Macht im Akt nach der Pause. Im Zeitlupentempo weichen die roten Vorhänge zur Seite und hebt sich unmittelbar dahinter der schwarze nach oben. Nur auf eine Person fokussiert sich diese Bühnenlupe: Philipp II., König von Spanien. Einsam. Verloren. Mächtig und doch hilflos. Ist da nicht sogar Verzweiflung und Angst? Die Liebe, nach der er sich ehrlich sehnt, kann er nicht erlangen, die Welt nicht ändern. Die Übermacht kirchlicher Inquisition benutzt ihn als Marionette. Doch er und sein Hof bleiben gefesselt in gottgegebenen, mittelalterlichen Strukturen.
Und das Volk? Es verdammt und bejubelt ganz nach Impuls. Der Chor (Einstudierung Christian Möbius) gibt in glänzender Weise den Kontrast her zu den Eliten des Throns und der brennende Kreuze.
Zu erleben ist Jens Klaus Wilde in mutigem Tenor, übermütig im Glück und als letztlich doch feiger Liebhaber. Wird er je Flandern retten, wofür sich seine Versprochene dem Begehren des Königs unterwirft? Stella Motina als stimmlich kraftvolle Elisabeth vermag Leid und Demut ergreifend herauszusingen.
Wirkliche Kumpel sind Carlos und Rodrigo. Andreas Jäpel präsentiert sich mit seinem Marquis von Posa in der wohl stärksten Partie an diesem, seinem Hause. Dass er zu fest auf manchen Flecken haftet, kann sich nur noch verbessern.Marlene Lichtenberger ist die liebesverwirrte Prinzessin und flucht verzweifelt überzeugend ihrer Schönheit.
Ganz souverän und streckenweise tief verinnerlicht verkörpert Max-Grünebaum-Preisträger Tilmann Rönnebeck einen König von Spanien, der Mittelpunkt der Handlung wird. Rönnebeck, jetzt engagiert an der Semperoper, scheint das Cottbuser Heimspiel mit dieser herausfordernden Partie voller Bedacht zu genießen.
Zu den beredten Bildschöpfungen (Bühne Walter Schütze, Kostüme Nicole Lorenz) Martin Schülers gehört der Abgang des Großinquisitors (bockig schnaufend Jörn E.Werner): Wie ein alles umraffender Krake steigt der mit ausgreifenden Armen und Stöcken bedrohlich die Stufen der erschütterten Welt hinauf.
Es sind vor allem solche exakt versammelt vorgeführten und musikalisch perfekt herausgearbeiteten Szenen, die diese Inszenierung so genial erscheinen lassen. Selbst die „Stimme vom Himmel“, hier als Engel von Debra Sanley vorgetragen, oder die kompakt auftretenden Deputierten im 5. Bild erhalten Raum genug, sich als großes Ereignis zu zelebrieren. Sehr stark!
Ein berührender „Don Carlos“-Abend. Nächste Vorstellung am 26. April, 19:30 Uhr.
J.Heinrich









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