Am Oberkirchplatz feierte man, nachdem anderswo das Licht ausging.

„An die Fassade wird sich kaum einer erinnern, wohl aber an das Nachtleben, das hier seinen Cottbuser Ort hatte“, mailt S. Sachse. „Wenn ‘Stadt Cottbus’, Tweles ‘Postkutsche’ und andere Häuser gegen Mitternacht schlossen, zogen Handwerker, Dienstreisende und andere, die es sich leisten konnten und evtl. den Einlasser kannten, zum ‘Clou’…“ Frank Irmer schreibt: „Zu sehen sind die 1877/78 ausgebauten Kammerlichtspiele. Im größten Kino der Stadt fanden auch Konzert- und Varietéveranstaltungen statt. Im Erdgeschoss befand sich das Kabarett ‘Kammerbrett’l’, das später die Tanz-Nachtbar ‘Clou’ war. 1988/89 wurden die Kammerlichtspiele umgebaut und erhielten eine geänderte Fassade. Im Jahre 1998 endete hier das Kinovergnügen.“
Manfred Gnida vom Weinberg aus Spremberg weiß Bescheid: „Eine tempelartige Fassade auf dem Cottbuser Oberkirchplatz, Hausnummer 10. Wilhelm Döring, der schon 1877 eine Gaststätte in der damaligen Kleinen Kirchstraße betrieb, stellte einen Antrag, um ein Gesellschaftshaus mit Saalbetrieb zu errichten, worauf dieser Neubau entstand. Er erregte damals Aufsehen. Das ‘Döringische Gesellschaftshaus’ wurde später zu einem der größten Kinos der Stadt sowie auch Varieté- und Konzerthaus. Im Erdgeschoss konnte man eine Weinstube und das Kabarett besuchen. Bekannt war das Haus als ‘Kammerlichtspiele’, 1919 durch Umbau aus dem großen Saal entstanden. Die allseits beliebte Tanz-und Nachtbar ‘Cluo’ der 60er bis 80er Jahre hieß um 1946 ‘Trocadero’. 1988/89 wurden die Kammerlichtspiele aufwendig saniert, doch die Besucher blieben aus. Am 29. März 1998 war das beschriebene Kinogeschehen nach ca. 92 Jahren zu Ende.“

Ramiro Lehmann, Schulweg, Cottbus-Sielow, erklärt: „Das Haus wurde als Döringsches Gesellschaftshaus errichtet. Im Juli 1919 erfolgte die Einweihung der ‘Kammer-Lichtspiele’. Die Inhaber wech- selten oft und auch die Platzanzahl variierte. Die höchste Kapazität war 1930 mit 700 Plätzen. Diese schöne Fassade habe ich leider nicht mehr im Original gesehen. Das Bild müsste von vor 1945 sein. Ich bin früher immer sehr gern in die Kammerlichtspiele gegangen. 2005 wurde das Haus bis auf die Grundmauer abgerissen und ein neues gebaut. Ein Bild vom 24.06.2024 ist dabei. Links daneben das Kammerbrett’l, das im Oktober 1919 als Weinstube und Kabarett eröffnete und später als ‘Clou’ betrieben wurde, ist aber eine andere Geschichte.“
Michael Max aus Cottbus weiß genau: „Die Aufnahme stammt aus der Zeit nach 1920, denn dieses Aussehen erhielt das Gebäude erst nach dem Verkauf am 27.0.1919 durch den Besitzer Adolf Döring an die Herren Wilhelm Wenzke, Carl Abeling und Armin Witte, die das ‘Gesellschaftshaus Döring’ in ein Kino und Vergnügungslokal umbauten. Erbaut von meinem Ur-Ur-Großvater, dem Posamenteur Wilhelm Döring, nach 1875, wurde das Haus für gesellige Veranstaltungen verschiedenster Art genutzt. So spielte an den Wochenenden die Kapelle des Infanterie-Regiments 52 zum Tanze, wurden Veranstaltungen des Arbeiterbildungsvereins abgehalten und dem Gesangsverein Stäber eine Heimstatt gegeben. Im ersten Weltkrieg als Lazarett eingerichtet, liegen mir noch die Saldenlisten dieser Jahre vor. Adolf Döring, Wilhelms Sohn, war ein lieber Vater für seine vier Kinder, jedoch kein guter Geschäftsmann. Er trank und rauchte nicht, aber die vielen Nachtarbeitsstunden hatten seine Gesundheit angegriffen. Nach dem Verkauf konnten alle Hypotheken bedient werden und die Kinder erbten jeder ein kleines Vermögen.“
Als Bilder das Laufen lernten

Zum Vorkriegsbild vom Kammerbrett’l / Kino ergänzt Ursula Balzer Cottbus: „Dieses Kino im 1. Stock wurde am 18. Juli 1919 eröffnet. Die Uraufführung ‘Das Hexenlied’ mit Wanda Treumann und Viggo Larsen in den Hauptrollen (nach E.T.A. Hoffmann) war eine Attraktion, denn es gab selten in Provinztheatern Erstaufführungen. 1929 zeigen die Kammerlichtspiele den ersten Tonfilm.
Als Inhaber des Kinos werden 1924 Peter Graß und Max Podszus genannt. 1927 gelang Grass ein großer Wurf. Nachdem am 6.6. des Jahres die Ozeanüberflieger Chamberlin und Levine in Klinge notlanden mussten, nutzten die Cottbuser Stadtväter die Chance, ihre Stadt im Reich bekannter zu machen. Sie beauftragten die Filmproduktionsfirma EMELKA (München), einen Film über ihre Tuchstadt herzustellen. Die Lokalpresse überschlug sich mit Lob, als der Film am 8.11.1927 in den Kammerlichtspielen vor geladenem Publikum uraufgeführt wurde. Er soll auch in New York gezeigt worden sein.
1930 wandelten die bInhaber die Lichtspiele in eine GmbH um. Ab 1932/33 war Peter Graß alleiniger Geschäftsführer. Ab 1932 besaß er ein weiteres Kino in Forst, ebenfalls Kammerlichtspiele genannt (Kottbuser Str. 24), mit Platz für knapp 600 Zuschauer.
Um 1949/50 fanden in den Cottbuser Kammerlichtspielen 660 Zuschauer Platz. Vermutlich war das Gebäude zu Kriegsende kaum zerstört worden. Peter Graß wurde 1945 enteignet, verlor beide Kinos und durch Bombardement einige Häuser in der Innenstadt. Das kinderlose Ehepaar Peter und Hulda Graß bezog 1933 ein Haus in der Madlow, Hermannstraße 3, wo der lebeslang starke Raucher Graß 1949 im Alter von 60 Jahren an Lungenkrebs starb.
Danke, auch den nicht zitierten Lesern.
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