
Häuser mussten in den 70-igern weichen / Drei Meister in der Böttcherei
Die Lösung zum Rätselfoto der vergangenen Woche war für manche Leser erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Klaus Simmach schreibt: „Ich vermute es ist die Gerberstraße in Forst. Wenn Sie es ist, habe ich von 1962 bis 1971 ganz oben gewohnt.“ Wolfgang Bohla bestätigt: „Es handelt sich um die Gerberstraße, Richtung Augustplatz/Mühlenstraße“. Wolfgang Schenk weiß zu berichten: „Im Bildhintergrund ist das Gelände der Stadtmühle und die Brücke über den Mühlgraben zu erahnen“. „Die Straße beginnt heute am Rathaus an der Promenade und führt bis zur Mühlenstraße, sie wird durch den Park an der Lindenstraße geteilt. Das ist der östliche Bereich Richtung Neiße“, so Bernd Frommelt am Telefon.
Wolfgang Marlow verbindet ganz persönliche Erinnerungen mit der Gerberstraße. „Ich wohnte damals gleich um die Ecke am damaligen Goetheplatz.“ Auch Wolfgang Schenk hielt sich in seiner Jugend häufig in dieser Gegend auf. „Obwohl ich mich lieber in den schmalen Gassen auf der anderen Straßenseite der Mühlenstraße bewegte wie der Salzgasse und Seilergasse bis hin zur Uferstraße, gefiel es mir auch in der Gerberstraße sehr gut, zumal ich oft stundenlang Gespräche mit alten Anwohnern führte, aber vorrangig weil hier mein Freund Kuno und seine jüngere Schwester, meine Jugendliebe, wohnten.“
Im Hintergrund des Bildes ist die alte Forster Kaufhalle zu erkennen. Das wusste auch Waltraud Laugksch: „Schräg hinter dem LKW erkennt man eine Laderampe. Die Kaufhalle hatte ein ganz flaches Dach. Ich habe jahrelang dort gearbeitet, von 1977 bis zur Wende.“ Bernd Frommelt vermutet, dass der Aufnahmezeitpunkt mehr als 40 Jahre zurück liegt. „Das ist die zweite Hälfte der 70er-Jahre, kurz bevor die Häuser weggerissen wurden für den Wohnungsbau. In der linken Bildecke sind bereits vorbereitende Bauarbeiten zu erkennen“, sagt er am Telefon. „Dort, wo der LKW und die Bauteile stehen, machte die Gerberstraße einen Bogen und endete in der Mühlenstraße. Im letzten Grundstück (nicht sichtbar) befand sich die Böttcherei Bohla“, erzählt Bernd Frommelt weiter.
„Mein Vater Willi und mein Onkel Georg hatten die Böttchereiwerkstatt aufgebaut“ schreibt Wolfgang Bohla. „Schon als Junge war ich hier oft, lernte auch den Beruf und wurde Meister. Hier wurden Fässer und alle weiteren Behälter für die Tuchfabriken und für die Glasschleifereien in Döbern und Weißwasser hergestellt. Jeder Glasschleifer hatte eine eigene Wanne. Hundert Stück wurden im Jahr nur für Döbern und Weißwasser produziert. Wir waren drei Mann, mit mir als Lehrling bis zur Wende. Ich konnte aber noch den Meisterbrief als Böttcher machen. Es war der einzige Betrieb mit drei Meistern, sicher nicht nur in Forst.“ Neben der Böttcherei sind ihm weitere Geschäfte im Gedächtnis. So berichtet Wolfgang Bohla weiter: „Danach folgt das hohe Haus der Geschwister Rotkegel. Dann die Rückseite der Löwenapotheke, weiter das Farbengeschäft Julius Kindt, ebenfalls die Rückseite. Da wohnte eine ältere Dame, die Kinder oft ‚Latschen-Klara‘ hänselten, weil sie immer in Latschen lief. Es folgt die Chemische Reinigung und Färberei von Wünschmann. Gegenüber der Büsche war die Mostpresserei von Max John, wo Äpfel und Beeren zu Saft gepresst wurden“. „Der alte Laden von Julius Kindt wurde nach dem Krieg nur noch als Farbenlager genutzt, verkauft wurde im großen Geschäft in der Mühlenstraße mit den zwei großen Schaufenstern ein schmucker Einkaufsladen für Tapeten, Farben und den notwendigen Streichmitteln wie Pinseln, Bürsten und Farbrollen. Gleich daneben war die Löwen-Apotheke und noch ein paar kleine Läden“, ergänzt Wolfgang Schenk.
„Links sieht man noch den alten Baum. Ich meine, es war eine Trauerweide. Die steht heute nicht mehr. Wann die wegkam weiß ich allerdings nicht mehr“, so Waltraud Laugksch. „Heut ist der Verlauf der Gerberstraße nicht mehr so deutlich erkennbar, da sie zum Teil über Höfe und Parkplätze der Neubauten verläuft“, so Wolfgang Schenk.
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