Paul Völzke war beliebter Frisör / Nach der Vertreibung Neuanfang in der August-Bebel-Straße
Es ist schon erstaunlich, wie viele Erinnerungen ein einziges Frisörgeschäft im alten Guben nach so vielen Jahren noch hervorruft. Veit Völzke aus Krayne stellte uns dieses Familienfoto zur Verfügung – vielen Dank dafür!
Aufgeregt rief Anneliese Krüger in der Redaktion an, denn sie hat ganz besondere Erinnerungen und Informationen zu unserem Rätselfoto: „Auf dem Bild erkennen wir den Damen- und Herrensalon von Paul Völzke, Sand 9. Fälschlicherweise wird oft ‘Am Sand’ oder ‘Auf dem Sand’ geschrieben. Paul Völzke führte den Salon mit zwei Gesellen und einer Friseuse. Die Seele des Hauses war Muttchen Völzke, eine liebenswerte, hilfsbereite Frau. Deshalb fühlten sich die Mieter in diesem Haus sehr wohl. Ich wohnte mit meinen Eltern in diesem Haus, bis wir raus mussten. Unser Haus war sehr gepflegt, der Hof mit Rasenfläche und einem schönen Garten. Schattenmorellen grenzten den Nachbarhof ab. Am Nachbarhaus rechts begann die sagenumwobene Hundsgasse. Das war mein täglicher Schulweg, denn ich besuchte die Hindenburgschule, bis sie Lazarett wurde.
1964 war ich dann wieder in Gubin, noch auf Einladung und mit einem Visum über Frankfurt/Oder. Tief erschüttert war ich vom Zustand meiner Heimatstadt. Die lang anhaltenden Kämpfe um Guben zeigten ihre Spuren. Schutt und Trümmer weit und breit. Was war vom Sand übrig geblieben? Karges Schlosserei, die Sargtischlerei, die Drogerie, die Apotheke und auch die Blumendiele Ecke Schemels Weg – alles Trümmer. Auf dem Areal von Hartmanns Sägerei und Holzverkauf mit der Villa Caließ war eine Tanksäule errichtet, heute eine moderne Tankstelle, die auch gern von deutschen Autofahrern benutzt wird. Fast unversehrt blieben die Häuser auf der rechten Seite der Sand-Schule. Ladengeschäft an Ladengeschäft reichten sie bis zur Bäckerei Krüger bis zur Kohlstraße. Noch heute beschäftige ich mich mit meinem ersten Besuch in Gubin. Es war ja fast ein Wunder, dass ausgerechnet Völzkes und links daneben Zangers Haus stehen geblieben sind.
Erwähnenswert ist noch dieses Datum: 1938 wurde die Straßenbahn eingestellt, und die Linie 1 fuhr dann vom Bahnhof bis Endstation Sand.“
Eberhard Wittchen erinnert sich: „Als Kinder der Nachbarschaft erhielten wir hier einen akkuraten Haarschnitt. Herr Völzke war in der Zeit seines gesamten Berufslebens der Frisör unserer männlichen Familienmitglieder über mehrere Generationen – Großvater, Vater, ich selbst und meine beiden Söhne. Gegenüber vom Geschäft befand sich damals eine Panzersperre. Hinter der Hundsgasse (östlich) war gleich Hartmanns Holzlagerplatz mit zwei Wohnhäusern. Auf diesem Grunde befindet sich heute eine große Tankstelle. Im Frisörladen assistierte stets seine Ehefrau, eine kleine zierliche Person, und seine Tochter Vera. Das Haus und das Frisörgeschäft existieren noch heute so in Gubin, betrieben wird es natürlich von Gubiner Handwerkern. Nach der Flucht vor den Kriegsereignissen im Februar 1945 waren im Mai die meisten Anlieger wieder zurück in ihrer Heimat. Folglich stand auch Paul Völzke in seinem Salon wieder zur Verfügung. Wir erlebten, wie er gemeinsam mit anderen Nachbarn die Kriegsspuren beseitigte. Am 20. Juni mussten wir gewaltsam unsere geliebte Heimat verlassen und strandeten westlich der Neiße. In der August-Bebel-Straße eröffnete er alsbald in seiner Wohnung wieder einen kleinen Frisörladen. Durch die langjährige Verbindung frisierte er noch im hohen Alter selbst in unserer Wohnung aus Gefälligkeit unsere Familienmitglieder. Paul Völzke war ein sehr ehrbarer und hilfsbereiter Mensch. Er erreichte ein hohes Alter von mehr als 90 Jahren.“
Familiäre Einblicke schildert uns Ingeborg Keppler in ihrem Brief: „Dieses Bild entstand 1942. Es war der Tag meiner Einschulung in die gegenüberliegende Sandschule.
Meine Großeltern Paul und Clara Völzke haben dieses große Mehrfamilienhaus im Sand 9 gebaut. Mein Opa führte diesen Friseursalon, in dem auch meine Mutter Friseurin lernte und dort bis zu ihrer Hochzeit 1934 arbeitete. Vor der Haustür links steht meine Oma und rechts meine Mutter. Meine Mutter lebt im Rosa-Thälmann-Heim in Guben und wird im August 98 Jahre alt.
Rechts neben der Haustür in dem geöffneten Fenster ist ganz schwach die damals dort wohnende Mieterin zu erkennen.
Nach dem Grundstück meiner Großeltern begann dann die Hundsgasse. Dort befand sich rechtsseitig der Holzhandel. Heute befindet sich dort die Tankstelle. Wenn ich heute dort mein Auto betanke, ruft doch der Anblick des Hauses eher seltsam feststellende Gedanken und Gefühle hervor, die ich in früheren Jahren nie empfunden habe.“
Werner Koschack hat herausgefunden: „Laut Gubener Einwohnerbüchern wohnten in diesem Haus 1936 Frisörin Alice Woschnika und 1939 der Frisör Otto Poethke und der Frisör Richard Wiesner. Es wurde 1928 erbaut. Von der Inhaberin Dolata Ladyslaw erfuhr ich das Baujahr und dass ihr Großvater dieses Haus 1947 gekauft und das Frisörgeschäft weitergeführt hat. Er kam damals von Posen nach Gubin. Der Frisörsalon ist bis heute in Familienbesitz. Die Straße heißt heute ul. Wyspianskiego und beginnt an der großen Ampelkreuzung. Vor 1945 Lubststraße und Sand. Ab Lubstplatz beginnt die Steigung der Straße in Richtung Schegelner Straße, heute ul. Lubelska. Vor 1945 hatte der Sand 21 Häuser. Die Tankstelle wenig höher wurde 1957 erbaut und war jahrelang die einzige Tankstelle in Gubin. Vorher musste man Benzin in Krossen kaufen. Ältere Gubener bezeichnen diese Tankstelle noch heute ‘Tankstelle am Sand’.“
Irene Rieck ergänzt in ihrem Brief: „Ich habe mir dort 15 Jahre meine Haare frisieren lassen. Die frühere Sand-Schule gegenüber wird heute noch als Schule genutzt. Die Straße Sand beginnt an der Lubst und mündet in die Schegelner Straße. Sand, Kleine Hundsgasse und Hundsgasse bildeten ein Dreieck. Dort war früher die Buswendeschleife der Linie 1, die bis zum Bahnhof fuhr.“











