Bitte aktiviere / Please enable JavaScript![ ? ]
Gutshaus Sembten - Märkischer Bote Gutshaus Sembten Gutshaus SembtenMärkischer Bote
Samstag, 13. April 2024 - 18:51 Uhr | Anmelden
  • Facebook SeiteTwitter Seite

header-logo

 
Overcast
21°C
 
das epaper der lausitzer heimatzeitung
Anzeigen

Gutshaus Sembten

Bilder aus der alten Neißestadt Guben | Von | 16. Juni 2012

damals_120616_gu15 Familien im Sembtener Gutshaus / Wertvolle Einrichtung verschleppt / Hoffnung auf Investor im August
Auf große Resonanz stieß das Rätselfoto von Karl-Heinz Schlodder. Klaus Schulze erzählt am Telefon: „Das ist das Haus der Gutbesitzerfamilie Schulz aus Sembten. Der Gutsherr ist 1942 gestorben. Es gab damals eine Tafel an der Kirche, die zu DDR-Zeiten entfernt wurde. Er hatte drei Söhne und eine Tochter, ein Sohn war geistig behindert. Er soll im Gebirge abgestürzt sein. Die Tochter wurde Ärztin in Bayern. Sohn Rudolf war mit meinem Schwager in russischer Gefangenschaft, er starb dort. Der andere Sohn hieß Ullrich. Sein Schicksal ist unbekannt. Er war auch Offizier wie seine Brüder und soll angeblich für Gräueltaten verantwortlich sein.
Unsere Familie hat in diesem Schloss gewohnt, als wir 1945 aus Polen kamen. Hier wohnten etwa 15 Familien. Die Weinranken wurden abgerissen, weil das Schloss ein neues Dach und neuen Putz bekam. Die beiden kleinen Dachfenster wurden zugemacht, weil es keine solchen gab. Im 1. Obergeschoss links befand sich die Bibliothek, darunter die beiden sichtbaren Fenster gehörten zum Herrenzimmer. Dort standen ein großes Billard und ein Flügel. Die sow-jetische Kommandantur hatte sich hier eingerichtet, und sie haben alles Wertvolle rausgeholt und auf Lkw weggeschafft. Auch viele Gemälde aus den Obergeschossen verschwanden auf diese Weise. Die sechs Dachfenster im dritten Obergeschoss waren Kinderzimmer. Auf der rechten Seite im 1. OG befanden sich die getrennten Schlafzimmer. Auf der Rückseite der Bibliothek befand sich das Esszimmer. Dort stand ein ausziehbarer Esstisch. Ein Umsiedler hat auf diesem Tisch geschlafen, Betten gab‘s ja nicht. Es war eine schlimme Zeit, in der ich meine Mutter verlor. Die Bibliothek wurde zum Versammlungsraum für Feiern ausgebaut. Dort stand ein großer Kachelofen. Der Weg bis zur Küche war allerdings sehr weit.“
Jana Freyer mailt: „Das Foto zeigt unser wunderschönes
Guts­haus. Ich habe hier meine Kindheit und Jugend verbracht. Vom Kindergarten aus sind wir um 1985 oft das Gutsgelände besuchen gegangen. Es waren zahlreiche Bullen in den Ställen untergebracht, und auf dem Gutshof war stets ein geschäftiges Treiben. Das Gutshaus selbst hatte für mich damals einen riesigen Treppenaufgang, von dem aus man zum Friseur, zur Großküche und zum Büro meines Großvaters gelangte.
Nun steht das ‘Dornröschenschloss’ leider leer und wartet auf einen Prinzen.“
„Ich bin 1950 ganz oben in den Erkerbauten geboren worden“, erzählt Angelika Schmidt. „Ein Verwandter hat meine Eltern nach Sembten geholt, dort gab es Arbeit im Volksgut Sembten, zu dem auch das Schloss gehörte. Meine Mutter war Köchin und hat die Leute versorgt, mein Vater war Landwirt. Später hatte unsere Familie Glück, und wir konnten mit vier Geschwistern eine Etage darunter in die größere Wohnung umziehen. Neben unserer Wohnung mit dem Balkon links befand sich der Kulturraum. Dort haben wir Jugendweihen, Hochzeiten, Konfirmationen und alle anderen Anlässe gefeiert. Wir haben eine schöne Kindheit verlebt. Im herrlichen Park mit alten Eichen und Buchen und Teichen, die später auch bewirtschaftet wurden und auf denen wir im Winter Schlittschuh liefen. Später gab es hier sogar eine Freilichtbühne. Außer unserer Familie haben noch weitere elf bis 15 Familien im Schloss gewohnt, außerdem waren die Büros des Landgutes und die Küche eingerichtet. Wasser musste aus dem Flur geholt werden.“
Der Sembtener Gastwirt und Ortsvorsteher Gotthard „Fliege“ Drodowsky erzählt: „Das Bild habe ich bei unseren Nachbarn, Familie Pusch, gesehen. Es muss in den 1930er und 40er Jahren entstanden sein. Es war einst ein Vorzeigeschloss, wurde aber in der DDR um- und ausgebaut. Es war Verwaltungsgebäude für den Obstbau. Nach der Wende wurde es zum Kindergarten mit Krippe umgebaut und so zwei Jahre genutzt. 2003 wurde es von einem privaten Investor gekauft, im August steht es zur Versteigerung. Unsere Gemeinde hofft, dass es einen Investor gibt. 1995 wollte es die Beschäftigungs- und Sanierungsgesellschaft mit einem sehr guten Konzept übernehmen, mit Viehzucht, ländlicher Nutzung, selbst die Bauten rundherum wären genutzt worden. Das wurde aber von der Gemeinde abgelehnt. Das ärgert mich heute noch. Auch die Freilichtbühne wurde abgerissen, um es besser verkaufen zu können, wie damals erzählt wurde. Vergeblich. Zum Schloss gehören der Eichenhof, Stallungen und die Gutsteiche, der Mühlensee sowie Wald- und Feldflächen. Der Teich wird von unseren Anglern sehr gepflegt und ist ein wichtiger Teil von Sembten. Wenn er nach einem Verkauf verloren geht, bleibt kaum noch etwas vom alten Sembten.“
Bärbel Koschack fand heraus: „Erbaut wurde das Gutshaus zwischen 1700 und 1765. Es ist mit der Familie Haugwitz in Verbindung zu bringen, die zu dieser Zeit Sembten besaß. Es ist äußerlich erhalten und wurde laut Zeitzeugen und Einwohnern nach der Wende in einer Zeit ohne Nutzung ausgeplündert und teilweise zerstört. Das Herrenhaus, welches bis 1934 zum Rittergut gehörte, lag in einem Park, nach englischem Stil angelegt. Durch ein Feldsteintorhaus, das durch Brand erst vor kurzem zerstört wurde, kam man auf den großen Schlosshof. Auf der Rückseite des Herrenhauses befand sich eine mit Holzschnitzereien reich verzierte Veranda mit Balkon. Es gab auch eine Brennerei und ein Taubenturm. Zur DDR-Zeit wurden die gesamten Anlagen landwirtschaftlich genutzt. Es gab Schweine und den Obstbau Sembten.“
Karl-Heinz Schlodder ergänzt: „Das Haus hatte einen Turm mit einer Turmuhr Typ C. S. Rochlitz aus Berlin, Baujahr 1912. Eine Industrieuhr, wie es Tausende gab. Nach dem Krieg wurde der Turm wegen Baufälligkeit abgerissen. Die Zifferblätter waren gleich verschwunden, die Uhrwerk-teile konnten geborgen werden.“
Vielen Dank allen Ratefreunden, besonders für die ausführlichen Details!
Nachtrag:
Gutshaus hatte eine eigene Brennerei
Es erreichte uns nachträglich Post aus Gubin. Przemyslaw Tokarek schildert in seiner E-Mail: „Ein sehr schönes Bild. Das ist das Gutshaus in dem breiten Gassendorf Semb­ten mit 326 Hektar Fläche. Auf diesem Bild sehen wir das Gebäude und eine Frau mit Kindern auf der Kutsche. Es könnten die Eigentümer sein, die sich auf den Weg zu einer Spazierfahrt machen. Zum Guthaus gehörte auch ein Landschaftspark. Er umgibt das Gut mit dem Herrenhaus in seiner damaligen Form, wie es 1757 erstmalig erwähnt wurde, mit dem Torhaus mit einem Dachreiter.
Die erste Erwähnung des Rittergutes Sembten wird Ende des 15. Jahrhunderts datiert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohnten und arbeiteten bis zu 32 Familien auf dem Gut. Von 1974 bis 1990 befand sich die Betriebskinderkrippe im Gutsgebäude und 1974 wurde im Sembtener Gutspark eine Freilichtbühne errichtet. Auf dem Gutshof wurde noch bis 1990 Tierhaltung betrieben, der Brennereibetrieb wurde jedoch bereits 1986 aufgegeben. Das Guts­haus selbst wurde übergangsweise als Kindergarten und Schulungszentrum genutzt.
Sembten liegt zwölf Kilometer nordwestlich von Guben und Gubin. 1933 lebten hier 383 Einwohner, 1939 waren es 353. Das Dorf gehört seit 1993 dem Landkreis Spree-Neiße an und seit dem 26. Oktober 2003 zur Gemeinde Schenkendöbern.“



Anzeige

Kommentar schreiben

Kommentar


Das könnte Sie auch interessieren: