Die Grenze im Kopf

kommentar_j_haberlandDas Frühlingsfest an der Neiße ist vorbei. Was bleibt, sind Erinnerungen aus guten Gesprächen, taumeligen Gefühlen nach den Runden bis in 50 Meter Höhe, das Nachklingen in den Ohren von wummernden Konzerten und müde Beine. Es war ein Guben-Gubiner Frühlingsfest an der Neiße mit wahren Völkerwanderungen. Es war das Stadtfest einer Stadt, einer Doppelstadt. Wie sonst nie im Jahr war die Grenzbrücke gefüllt. Kein Ortsfremder wäre je auf den Gedanken gekommen, es seien zwei Feste, lediglich auf ein Wochenende zusammengelegt. Doch so klang es im Vorfeld. Noch immer wurde getrennt beworben, ja sogar verschiedene Namen hatten die Feste. Der Gubiner Kulturhauschef Janusz Gajda übertitelte „sein“ Programm gar mit „Deutsch-Polnisches Geschmack-Festival“. Wohl eher eine geschmackliche Irrfahrt. Allerdings waren die Grill- und Kochangebote auf Gubiner Seite mindestens genauso lecker wie auf Gubener. Euros und Zlotys wurden für die Köstlichkeiten zu gleichen Teilen ausgegeben.
Die Grenze ist längst verschwunden, das war gut zu erleben beim Frühlingsfest an und auf der Neiße. Mannschaften schenkten sich nichts in den Drachenbooten, demonstrierten Fairness nach der Entscheidung. Gubener und Gubiner Nachwuchs zeigte künstlerisch Einstudiertes, als ob es nie anders war. Vor der bunt beleuchteten Kirchruine, die immer mehr Charme ausstrahlt, tobten Gubener und Gubiner bei AC-DC-Sound mit nacktem Gitarristenarsch gleichermaßen, saßen auf der Wiese beim Picknick mit Bigos und Bier mit Sirup. Es wird Zeit, dass die Grenze in den Köpfen verschwindet – auf beiden Seiten der Neiße. Jens Haberland