Narren sind die Ärgsten nicht

Der Mann saß gebeugt auf einer Kiste und las die Sportseite. Drüben nagelten zwei Jungs eine Klinkerwand aus Pappe zur Hausecke zusammen, und drei Frauen an der Straßenbahnhaltestelle redeten darüber. Sie ließen an denen, die da hämmerten und offenbar Karneval vorbereiteten, kein gutes Haar. Was Ordentliches könnten die machen, und sowieso – der Lärm, das Gelache, das Konfetti… Der Mann auf der Kiste sagte laut und vernehmlich: Narren sind die Ärgsten nicht.
Er hatte seinen salomonischen Satz etwas zu laut gesprochen, vielleicht. Die Frauen taten erst erschreckt, dann verächtlich, dann kam ihre Straßenbahn. Der Mann auf der Kiste blieb sitzen und erzählte vom Karneval. Eine Ganzjahresaufgabe sei das. Die Feiern in diesen Tagen seien wie das Kinderschreien auf der Babystation – laut und viel Freude bewirkend. Aber neun Monate will so ein Kind, ist’s erst mal gezeugt, ausgetragen werden. Neun Monate!
Wie im Karneval, sagt der Mann und grinst vor sich hin: Das Zeugen mache auch Spaß; da wird schon mal gut gebechert und viel palavert, bis brauchbare Ideen fruchten.
Und die Monate dann?
Dann werde eben ausgetragen, sagt der Mann, was auszutragen sich lohne. Sketche, Tänze, Bühnenbilder. Allwöchentlich Training der Kindergruppen, nicht ganz so oft die Männer, dann schon erste Probeauftritte und so weiter. Nein, die Narren sind die Ärgsten nicht. Sie haben ihren Zusammenhalt, manche sind seit 20 oder gar 30 Jahren dabei, und wenn die Kinder heranwachsen, wird ihnen auch beruflich geholfen. Zum Karneval müssen sie sowieso ran: hämmern, kassieren am Saal, Einlassdienst abends, Auskehrdienst spät nachts. Dann die Abrechnung…
Das Papphaus steht, der Mann nimmt die Bahn in die andre Richtung. J.H.