Redewendungen haben ihre Zeit und ihre Eigendynamik. Diese kommt zunehmend vor, wenn Menschen von früher reden und drucksen, wie das eine oder andere „zu DDR-Zeiten“ ablief. Nicht alles war schlecht, heißt es dann. Manchmal entschuldigend, mitunter ein bisschen bockig und immer häufiger auch gut meinend, gar aus Mündern westlicher Redner.
Nicht alles war schlecht. Das steht als Tatsache und braucht kein Drumherum. Viele unserer Leser haben sich in dieser Woche an den 7. Oktober erinnert. Der war für die älteren unter uns den größten Teil ihres Lebens lang ein Feiertag, und viele waren stolz auf das, was sie zusammen in diesem Land geschaffen hatten. Das durften sie auch sein und können sich dazu bekennen. Auch wenn das Land DDR heute in den Regalen der Geschichte steht und das Unrecht, das in ihm geschah, manchmal noch bitter nachwirkt.
Es war nicht alles schlecht. Das finden heute auch Politikwissenschaftler und gesellschaftskritische Zeitgeister. Denn der Untergang der DDR und des Ostblocks hat Fehlstellen hinterlassen. Damals hat die Demokratie sich hart zusammengenommen, denn es hätte doch immerhin sein können, dass im anderen Gesellschaftsmodell ein Wettbewerber aufsteht. Heute fehlt solch ein Korrektiv und die Mächte treiben ihr ungehemmtes Spiel. Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert. Die dramatischen Schuldenbeträge, die uns um die Ohren fliegen – versucht die noch jemand zu rechtfertigen?
Nein, es gibt nur dieses System und es bleibt die Frage am Ende der Woche des früheren und des heutigen Feiertags, wie wir es hinkriegen, dass nicht alles schlecht(er) wird. Jürgen Heinrich






