Wirrwarr oder wahr?

Präsident Barack Obama, dessen Sympathievorschuss schon merklich schrumpft, hat unsere Kanzlerin hoch dekoriert und Frau Merkel in der Laudatio Bewunderung zugesäuselt. Ihr Erfolgsweg sei umso erstaunlicher, da sie doch in Ostdeutschland aufgewachsen sei, wo die Menschen nicht einmal die Möglichkeit hatten, Fremdsprachen zu lernen.
Man muss solchen Unsinn nicht vertiefen und könnte es bei dem Bedauern schlechter Zuarbeit belassen. Aber mit der zeitlichen Distanz zum verblichenen Land unserer Jugend nehmen die Verwirrungen zu.
Gunther von Hagens („Dr. Tod“) wettert zum Beispiel in einem Papier an seiner Gubener Körperwelten-Schau über (in der Tat) „spießige Sehzensur“. Dass die neue Bildungsministerin Besuche der Ausstellung im Unterricht verbiete, sei ein „Nachklingen ehemals diktatorisch regierter DDR-Mentalität“. Ein völlig wirrer Befund. Die Ministerin kommt nicht aus der diktatorischen DDR, und falls der Anatom damals eine solche Ausstellung angeboten hätte, wären ihm rote Teppiche aufgerollt worden. Denn die DDR war arm, aber nicht verklemmt. Das begreifen unterdessen sogar Schulpolitiker.
Erfrischend dagegen der aktuelle studentische Umgang mit Relikten, die tatsächlich zur schwächsten DDR-Leistung zählen. Mauerteile stehen als Denkmal in Cottbus. Nicht, um mit dem Schrecken zu kokettieren, sondern um wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Geschichte zu dokumentieren. Das hat Pfiff und birgt die Chance, Gesprächsstoff zu stiften. Über Sinn und Unsinn von Mauern, über ihre Beschaffenheiten und über ihre Ästhetik. Warum nicht? Wahr oder Wirrwarr – da gibt’s irgendwo Grenzen. Ohne Mauern.