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Sogar die Kuh schien zu weinen

4. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Spremberg |

Sogar die Kuh schien zu weinen

Elsbeth Schreier (r.) mit ihren Freundinnen am Gedenkstein für das verschwundene Heimatdorf Foto: T. Richter-Zippack

Vor genau 50 Jahren musste Familie Schreier ihr Dorf wegen der Grube für immer verlassen:
Spremberg/Welzow (trz). Der Herbst 1965 hat sich tief ins Gedächtnis von Elsbeth Schreier eingeprägt. Denn vor nunmehr genau 50 Jahren verloren die Frau und ihre Familie die geliebte Heimat für immer. Und zwar das Dörfchen Gosda, etwa auf halber Strecke zwischen Spremberg und Welzow gelegen. Der Ort musste dem sechs Jahre zuvor aufgeschlossenen Großtagebau Welzow-Süd weichen. Zunächst die Ortsteile Alte und Neue Buden, dann das eigentliche Kerndorf.
An der Zigeunerbrücke
Schreiers beziehungsweise Zippacks lebten über Jahrhunderte in Gosda. Sie verdingten sich als tüchtige Bauern und Handwerker. Ihr Gehöft befand sich am Weg, der hinunter zu Theuergartens Mühlteich führte. Von dort ging es weiter über die Zigeunerbrücke in Richtung des Nachbarortes Sabrodt. Die Familie besaß ein landwirtschaftliches Anwesen mit mehreren größeren Nutztieren.
Elsbeth Schreier wurde einen Tag vor Heiligabend in Gosda geboren. Als im Frühjahr 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, stand die junge Frau buchstäblich vor dem Nichts. Denn das elterliche Anwesen war großteils abgebrannt, der Bruder in Russland gefallen. Mit eigener Hände Arbeit wurde das Gehöft unter gewaltigen Anstrengungen wieder aufgebaut.
In den 1950er-Jahren wurde bereits gemunkelt, dass die Tage des Dorfes, das sich idyllisch auf dem Lausitzer Landrücken erstreckte, gezählt seien. Um das Jahr 1958 kam dann die Gewissheit: Gosda wird weichen. Bereits ab 1962/1963 begannen die ersten Umsiedlungen. Das Gros der Leute verließ 1965 den nunmehr zum Sterben verurteilten Ort, die letzten im Frühjahr 1966, insgesamt über 300. Bei Schreiers war es dann im späten Herbst jenes Schicksalsjahres so weit. Elsbeth Schreier hat noch immer ihre Kuh vor Augen, wie diese vom Hof geführt wurde. „Selbst das Tier schien zu weinen“, erinnert sie sich.
Kleines Ersatzhaus
Die Familie fand nach langem Hin und Her in Welzow ein neues Heim. In den Neubaublock nahe dem Spremberger Markt, der für die Gosdaer bestimmt war, wollte sie nicht. Und auch in keine Welzower Werkswohnung. Zum Glück fand sich am Rande der Industriegemeinde, das Stadtrecht gab es erst 1969, eine Wohnung in einem Haus. Dort lebt Elsbeth Schreier noch heute. Inzwischen zählt sie fast 88 Lenze, über die Hälfte ihres Lebens ist der unfreiwillige Umzug nun her. Doch wer in das Wohnzimmer der herzensguten Frau tritt, blickt sogleich auf das große Foto an der Wand. Es zeigt das einstige Anwesen, das im Jahr 1966 abgerissen wurde.
Im Juni 2008 wurde die Ortserinnerungsstätte für Gosda eingeweiht.
Ursprünglich war ein Standort rund einen Kilometer weiter östlich vorgesehen. Dort markierte bereits über Jahre ein Steinhaufen die einstige Gosdaer Ortsmitte, wo sich Schloss und Gastwirtschaft Kossack befanden. Doch diese Fläche durfte nicht zur Erinnerung genutzt werden. Warum? Weil sie in den kommenden Jahren ein zweites Mal überbaggert werden soll. Erneut durch den Tagebau Welzow-Süd, dem bis heute bereits 18 Orte weichen mussten.




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