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„Wahnsinns“ Ende in Cottbus: Fotografen erinnern an 1990

13. März 2020 | Von | Kategorie: Cottbus |

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Im dkw am Amtsteich zeigen Bilder, wie aus Euphorie Ernüchterung, Enttäuschung und Scham wurde 

„Wahnsinns“ Ende in Cottbus: Fotografen erinnern an 1990

Dem anfänglichen Jubel folgt Skepsis. Andreas Rost aus Weimar hat Demonstranten am 5. April 1990 in Leipzig fotografiert

Cottbus (hnr.) Letztes Jahr feierten wir 30 Jahre Mauerfall, das Jubiläum hatte lachende Gesichter, hallte von „Waaahnsinn!!!“-Rufen wider und rührte auch im Erinnern noch zu Freudentränen.
Nun liegt das Jahr ‘90 drei Jahrzehnte zurück und droht uns, wie damals, zu entgleiten. Was geschah? Wofür steht die Zahl 1990? Deutsche Einheit? Ein administratives Datum – nicht mehr? Doch: Es gab die ersten freien Volkskammerwahlen, im Sommer die Währungsunion, am Jahresende für uns hier erstmals eine Bundestagswahl. Und es gab Kündigungen, Krach, Klein- und Großkriminalität, Kassenstürze, die ernüchterten. Auch die ersten Sex-Shops kamen. Freiheit für Huren und jeglichen Hundsfott.
Im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst dkw am Amtsteich versuchen Fotografen jenes Jahr zu sortieren. Ordnung gelingt ihnen aber längst nicht. Immerhin: Was Gerhard Gäbler, Ingrid Hartmetz, Barbara Klemm, Ute Mahler, Jürgen Matschie, Barbara Metselaar-Berthold, Hildegard Ochse, Manfred Paul, Ludwig Rauch, Jens Rötzsch, Andreas Rost, Michael Schade, der Cottbuser Filmer Donald Saischowa, Hans-Christian Schink, Gundula Schulze Eldowy da überwiegend in Schwarz-Weiß bannten, stimmt nachdenklich und kann zu mancher Überlegung anregen. Es sind allesamt fotografische Artisten, die hier ein Kommentar geben. Sie haben das Fach der Bildreportage gelernt oder verstehen, Stille laut zu machen für ihr Thema. Die Ausstellung ist nicht streng chronologisch aufgebaut, aber meist stehen genaue Daten bei den Bildern, und so fällt auf, dass unbeschwertes Lachen (nicht das spätere sarkastische) nur ganz am Jahresanfang noch auftaucht. Je weiter das Jahr voran schreitet, umso trauriger, skeptischer sind die Blicke. Den einfachen Menschen ist das Geschehen aus der Hand geglitten. Die Verachtung für den einst geliebten Trabi beginnt zu schmerzen. Höchst anrührend sind die Bewegten Bilder in einem Videozyklus von Donald Saischowa, in dem sich drei Schauplätze gegeneinander aufheben: Noch selbstbewusstes Fordern hier, Geldpacken da,  verschämt-peinliches Raffen bunter Trivialdrucksachen dort. Gestandene Männer nehmen den Schund, ihre Blicke geistern ins ersehnte Anonyme.
Im „Staatsbeben“ von Barbara Metselaar-Berthold ringen, ringen  aus alternativer Prenzelberg-Kultur gefallene Künstler um Worte. Aus „gemütlichen Ecken des Widerstands“ waren sie in den Westen geflohen, kamen nun zurück und fanden inhaltsleeren Jahrmarkt. Losungen wie „Lieber Rote Rüben als Kohl von drüben“ ließen sich als Geistesblitz verkaufen. Es bleibt nur vage die Ahnung, dass in der hier fehlenden Dimension Bedeutendes geleistet worden sein muss, denn die maroden Fassaden, der Schrott und zottligen Frisuren sind schnell und bis heute (fast) restlos verschwunden.
„1990. Fotografische Positionen aus einem Jahr, über ein Jahr“ ist bis 17. Mai im dkw zu sehen.

„Wahnsinns“ Ende in Cottbus: Fotografen erinnern an 1990

Gerhard Gäbler aus Leipzig nennt seine großformatigen Porträts „Demonstranten, November 1989 bis März 1990“. Bilder von ihm sind auch in dem soeben erschienenen Bildband „Das Jahr 1990 freilegen“ (592 Seiten, 36 Euro) enthalten




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