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Frau Kremeiers Paradies hat 16 Grad

18. November 2016 | Von | Kategorie: Unterhaltung & Freizeit |

Frau Kremeiers Paradies hat 16 Grad

Clemens Gröszers Bildnis mit dem Titel A. P. zieht die Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk, Ulrike Kremeier, hier hervor. Für sie ist es ganz wichtig, die Arbeiten immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Schaffungszeit zu betrachten

Die Kunstmuseum-Chefin Ulrike Kremeier erklärt, wie das Cottbuser dkw-Depot aufgebaut ist
und wie die tägliche Arbeit eines Kunsthistorikers aussieht / Museum ist Wissensspeicher

Cottbus (mk). „Boah!“. Genau dieses Wort schoss Ulrike Kremeier durch den Kopf, als sie vor vier Jahren das Depot des Kunstmuseums Dieselkraftwerk als neue Direktorin betrat. Sie war ungeheuer neugierig auf die Sammlung. 30 000 Werke lagern hier.
Wer sofort an Malerei denkt, denkt richtig – allerdings nur ganz wenig richtig. Genau diese macht nämlich den geringsten Teil des Museums aus. Druckgrafiken, Handzeichnungen, plastische Arbeiten, Künstlerbücher, Plakatkunst und Fotos füllen die Aufbewahrungscontainer. Die Direktorin erinnert sich noch gut an das Gefühl, vor einem Original zu stehen. „Das ist ein einmaliges physisches und intellektuelles Erlebnis. Für mich ist es ein totaler Luxus, ins Depot gehen zu können, wann ich will“, schwärmt die Kunsthistorikerin. Die Fokussierung der Sammlung auf das 20. Jahrhundert hatte die Expertin nach Cottbus gelockt. Nun steht sie vor den Hängeregalen und Hängegittern und vor den riesigen Aufbewahrungscontainern. Kühl ist es hier. Bei 21 Grad lagert die Malerei. Mit 16 Grad deutlich kälter ist der Raum mit den Fotos. 30 000 Werke! Dieser Gedanke schoss ihr beim ersten Betreten durch den Kopf. „Wo und wie fange ich hier mit der Sichtung an? Ziehe ich einfach wahllos Schubladen auf oder gehe ich alphabetisch vor? Diese Fragen stellte sie sich. Am Ende verwarf sie beide Ideen und fragte ihre drei Kunsthistoriker-Kollegen, die mit der Sammlung jahrelang Erfahrung haben. Welche Werke liegen ihnen besonders am Herzen und welche hassen sie vielleicht sogar? Auf diesem Weg erfolgte die Sichtung peux a peux. Seitdem geht sie Tag für Tag immer wieder ins Depot. Oft fragt sie sich, ob sie die Werke immer noch genauso sieht, wie beim ersten Sehen. Ähnlich wie mit der Musik ist es für sie so, dass sie sich mit einigen Bildern erst anfreunden muss.
Wer nun glaubt, die Arbeit eines Kunsthistorikers in einem Museum liegt allein darin, sich Werke anzuschauen und diese gelegentlich öffentlich an die Wand zu hängen und zur Ausstellung einzuladen, der irrt. „Wenn jemand denkt, wir hängen Bilder ran und fertig, ärgert mich das gewaltig“, gesteht Ulrike Kremeier.

Frau Kremeiers Paradies hat 16 Grad

Ulrike Kremeier kennt sich aus in den hunderten Schubfächern des Kunstmuseums am Amtsteich. Mit Handschuhen hebt sie ganz sorgsam das Seidenpapier hoch, welches die einzelnen Werke vor Staub schützt Fotos: Mathias Klinkmüller

Erst einmal geht es darum, Werke nach Logik zu sammeln. So ist es wichtig, nicht nur eine Arbeit eines Künstlers zu haben sondern mehrere, damit die künstlerische Entwicklungsphase sichtbar wird. Unterschiedliche Werke aus unterschiedlichen Schaffungsphasen sind gefragt. Wurden diese gefunden und gekauft, geht die Arbeit erst richtig los. So werden die Werke dank Inventarbüchern erfasst. Titel, Inventarnummer, Datierung, Ort und Kosten werden notiert. Dann zeichnet der Historiker ab, dass er das Werk gesehen und begutachtet hat. Schließlich kommen ausschließlich Originale in die Sammlung. Im Anschluss erfolgt der aufwendigste Teil der Arbeit: Die Recherche. Wie viele Vorbesitzer hatte das Werk? Wo und wann wurde es bereits ausgestellt? Wo wurde es gekauft? Wer hat es verkauft? Was wurde zu diesem Werk bereits publiziert? Um Antworten auf all diese Fragen kümmern sich in mühevoller Forschungsarbeit die Kunsthistoriker des Cottbuser Museums. „Wir haben eine große Verantwortung“, sagt die Direktorin. Gemeint ist damit nicht allein das Aufbewahren der wertvollen Werke, sondern vor allem das Bewahren und Vermehren des Wissens zu den Werken. Und zwar nicht nur für diese Generation, sondern auch für künftige. „Ein Museum ist eigentlich kein Ausstellungsort sondern ein Wissensspeicher“, erklärt die Fachfrau. Ihre Arbeit von heute ist die Grundlage für ihr folgende Historiker. Zurück zum Depot. Wer dieses betritt, kommt nicht auf den Gedanken, dass hier tausende Werke lagern. Manche Häuser haben ähnlich große Keller. Das Gefühl trügt nicht. „Das ist alles eine Frage der Aufbewahrungssysteme. Da die meisten Werke nicht nur kühl, sondern vor allem dunkel gelagert werden müssen, „verstecken“ sich die Sammlungsobjekte in den Containern mit ihren vielen Schubladen. Wie erwähnt alles natürlich alphabetisch sortiert. In jedem Schubfach finden getrennt durch Seidenpapier mehrere Werke Platz. Staubfrei muss alles sein. Sind die Reinigungskräfte vor Ort, steht immer ein Kunsthistoriker daneben. „Nicht aus Misstrauen. Das ist einfach so“, sagt Ulrike Kremeier. Wer aber von ihr hört, dass es Fotos in der Sammlung gibt, die einen Wert von 35 000 oder gar 100 000 Euro haben, dem wird schnell klar, dass das Depot im Grunde genommen auch eine Schatzkammer ist. Die Kunsthistorikerin geht zum Schiebegitter und, begleitet von einem Quietschen, zieht sie ein riesiges Bild hervor. Clemens Gröszer heißt der Maler. „A.P.“ das Werk. Schön oder nicht schön? Diese Frage stellt sich hier allein für den Laien. Der Historiker muss ein Werk mit anderen Augen sehen. Er muss es im Kontext des gesellschaftlichen und politischen Umfeldes der Schaffungszeit sehen und bewerten, erklärt die Expertin.
75 Prozent der Bilder im Depot sind Kunst der DDR, 15 Prozent wurden vor dem Zweiten Weltkrieg ab dem 19. Jahrhundert erschaffen und lediglich zehn Prozent stammen aus der Zeit nach 1990. Wer mit Ulrike Kremeier das Depot durchstreift, merkt schnell, dass sie stundenlang über das Depot und noch länger zu einzelnen Werken referieren könnte. Das Depot ist ihre Welt. Ein Historiker-Paradies bei 16 Grad.




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