Wir haben längst die Mittlere Oder erreicht und im Oderbruch die preußischen Landkorrekturen bewundert. Der Fluss führte wenig, sehr wenig Wasser. Über die Brücke Hohenwutzen kommen wir in weites, fast unbewohntes polnisches Land.

Wie schön! Uralte Aleen sind rot und weiß gesäumt – Mohn und Holunder im Wechsel. Schließlich gibt sich links weithin sichtbar Petrolchemie zu erkennen. Die Brücke führt nach Schwedt, zurück in den Nationalpark Unteres Odertal, der sich zwischen Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße und unserem Fluss als feuchtes Biotop ausdehnt. Dieses wunderbare Poldergebiet rettete Schwedt 1997 vor den Fluten, die weiter südlich so viel Schaden anrichteten.

Nun nennt sich Schwedt seit 2008 etwas schwärmerisch „Nationalparkstadt“, und vergisst trotzdem nicht seine „goldenen Jahren“, die mit dem nicht mehr vorhandenen Schloss zu tun haben. Es wurde im April 1945 ausgebombt und die Ruine 1962 gesprengt. Eine typische Anti-Krautjunker-Aktion im damaligen Kleingeist. Dabei hatten die Markgrafen von Brandenburg-Schwedt, einer Nebenlinie der Hohenzollern, hier von 1669 bis 1788 viel Gutes geleistet. Dorothea, zweite Ehefrau des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, sorgte am Ort für die Bewohner und ihre beiden Söhne. Sie brachten mit den Hugenotten den Tabakanbau in die Region und gaben der Kunst eine Heimat.

Heute ist der Begriff Schwedt mit dem Petrol-Chemischen Kombinat (PCK), dem einstigen Militär-Knast und bis 1990 der Zigarettenproduktion verbunden. Und natülich mit der Oder, zu der es eine Schleuse und seit 2001 einen Hafen gibt. Sie strömt von hier fast genau nordwärts und erreicht, ähnlich wie in Schwedt, mit einem Seitenarm, der Westoder, das Landstädtchen Gartz in der Uckermark am nördlichen Ausgang des Nationalparks Unteres Odertal. Hier ist 1708 Michael Gabriel Fredersdorff als Sohn vom Stadtmusicus geboren. Als Musketier und selbst begabter Flötist traf er in Küstrin auf den Kronprinzen Friedrich, den sein rabiater Vater hier als Gefangenen festgesetzt hatte. Friedrich und Fredersdorff kamen sich im Flötenspiel nahe und blieben lebenslang eng verbunden.

Als König machte Friedrich Fredersdorff zum Verwalter der königlichen Schatulle und vieler privater Geschäfte. Die erstaunliche Vertrautheit der so unterschiedlichen Männer offenbart sich in einem regen, sehr intimen Briefwechsel, in dem Friedrich, der eigentlich nur französisch kommunizierte, dem erkrankten Freund in schwerfälligem Deutsch geradezu zärtlich mitteilt: „…ich Wolte Dihr So gerne helffen, als ich das leben habe! und glaube gewisse, das, wo es von Mihr Dependierte (abhinge), Du gewisse gleich gesundt seindt Solst… ich verlange keine andere erkenntlichkeit von Dihr, als Dihr gesundt wieder-zu-Sehen, was Mihr Sehr freuen wirdt. gottbewahredir!“

Der Briefwechsel, lange verschwiegen, ist, behutsam kommentiert, ausführlich in einem Buch wiedergegeben, das eine sehr persönliche Seite des zwiespältigen Preußenkönigs aufzeigt. Fredersdorff, dem der König ein Gut schenkte, lebte bis 1758. Zu Gartz hatte er aber wohl keine Bindung mehr. Die einst pommersche, später mecklenburgische und schließlich brandenburgische frühere Hansestadt litt sehr unterm 1945er Kriegsende und ist bis heute nicht aufgebaut. Es gibt einen Rest vom Hafen, das Stettiner Tor und eine Kirche mit Turm und Chor, dazwischen ein offenes Schiff für Openair-Kultur.

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