
Den Sauwan, wie Pückler den höchsten Berg des damaligen Tunesiens nannte, sucht man auf modernen Landkarten vergebens, denn sein heutiger Name lautet Zaghouan. Wer aber in Tunis oder in Hammamet war oder nach Kairouan, Monastir usw. fuhr, der hat ihn ganz sicher gesehen. Aus einer endlosen Ebene ragt ein Koloss von etwa 7 mal 11 Kilometern 1295 Meter in die Höhe. Doch höchster Berg im Lande ist er nicht, das ist der 1544 Meter hohe Djebel Chambri im gleichnamigen Nationalpark im westlichen Zentraltunesien. Wer zur Abwechslung vom Strandleben eine richtige Bergtour machen will, dem sei der “Sauwan” – Zaghouan empfohlen. Von Hammamet beispielsweise braucht man mit dem Taxi nur etwas mehr als eine halbe Stunde.
Des Fürsten Tour aber begann in Tunis, rund 60 Kilometer nördlich des Berges. Die gekürzten Zitate entstammen seinem Buch “Semilasso in Afrika”, erschienen 1836.

Die Amrah des Beys von Tunis
Vor dem Haus des holländischen Konsuls in Tunis hatte sich am 13. Juni 1835 eine bunt gemischte Karawane versammelt: “Der Zug bestand außer mir und meinem Sekretär noch aus dem polnischen Oberst von Szczepanowski (jetzt im Dienst des Bey) mit seinem Diener, einem Mamelucken des Bey nebst zwei Hambi, die Offiziersrang haben und die Tracht der Beduinen tragen, meinem Dragoman, meinem Kammerdiener Mustapha, zwei Negern, welche auf ihren Mauleseln die nötigen Provisionen an Wasser, Wein, Zucker, Orangen usw. transportierten und endlich einem Bedienten der Hambi. Bereits uns vorausgegangen war eine zweirädrige große Carreta, die Zelt, Bett und die übrigen Effekten enthielt und zugleich in der Wüste zum Schlafen dienen kann.” Doch die Abreise verzögerte sich, denn das Nötigste für eine Reise in das Innere Afrikas war noch nicht eingetroffen – die Amrah des Bey, ein Geleitschreiben. Bey Hassan hatte zwar eine Amrah ausgestellt, war aber kurz darauf gestorben, so das sein Nachfolger und Bruder Bey Sidi Mustapha den Freibrief bestätigen musste. Und das dauerte! Erst gegen 18 Uhr kamen die Papiere und der Trupp setzte sich in Bewegung.

Die blaue Sonnenbrille
Rund 15 Kilometer wurden am ersten Tag noch geschafft, zur Ankunft war es stockdunkel, doch war vorgesorgt – ein Nachtquartier im Schloss zu Mohammedia stand bereit. Aus Tunis mussten vergessene Sachen nachgeholt werden, so blieb Zeit für Besichtigungen. “Das Schloss ist groß und elegant, mit hübschen Zimmern und bunten Galerien versehen und die Aussicht von der Terrasse nicht ohne Interesse. Ich entdeckte ein Boskett von blühenden Granaten, umgeben von kolossalen Feigenbäumen.” Der grellen Sonne wegen und zur Freude der Einheimischen trug Pückler eine Brille mit “blauen Präventionsgläsern”. Den richtigen Glanz sollte Mohammedia aber erst einige Jahre später erhalten. Bey Ahmed (1842-47) wollte einen Landsitz ganz im Stil von Versailles erbauen, sein früher Tod verhinderte die Vollendung. Die Reste preisen Reiseführer heute immer noch als “sehenswert”.
Am dritten Tag ging es fünf Uhr früh schon weiter. Zunächst tauchten die stattlichen Überreste einer großartigen Ingenieurleistung auf – der Aquädukt, der seit der Römerzeit ganz Tunis und Umgebung mit frischem Quellwasser vom Zaghouan versorgte. 90 Kilometer über Täler und durch Berge führte der Wasserkanal und war nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch ein Meisterstück.
Die Mittagshitze trieb die Reisenden in eine Höhle, um 16 Uhr ging es weiter. “Bald ward die Gegend bergiger, die Luft kühler, und die Natur nahm einen anderen Charakter an. Die Erde bedeckte sich mit Immergrün, Myrten, blühenden Rosmarin und vielen lustigen Bächen dazwischen. Das Bett dieser Bäche war größtenteils mit Oleander eingefaßt, der jetzt im glänzendsten Flor stand.”

Maulbeeren und Mandeln
“Gegen Abend überraschte uns, als wir eben aus einem gewundenen Bergtal hervortraten, plötzlich der Anblick des prachtvollen Sauwan, als stehe er dicht vor uns, mit dem weißen Städtchen gleichen Namens an seinem Fuß gelagert, das ein dunkler Wald von Bäumen aller Art umschloß.” Zwei Scheiche begrüßten den Fürsten. Der voraus gerittene Mamelucke hatte schon kraft der Amrah für das beste Quartier gesorgt. Zaghouan wäre wie geschaffen für die Landsitze der Reichen und Vornehmen aus Tunis, leider lag es zu weit entfernt, meinte Pückler. Die reine Luft, die erträglichen Temperaturen und vor allem der verschwenderische Reichtum an frischem Wasser wären beste Voraussetzungen für ein irdisches Paradies, das die Vorzüge Europas und Afrikas vereinte.
Am anderen Tag erkundete Pückler die Umgebung und war völlig entzückt: “Ich glaube nicht, daß es irgendwo im nördlichen Afrika etwas Reizenderes, ja Üppigeres geben kann – ein Wort, dessen ich mich lange nicht bedienen konnte: Ein Hain von hohem Holze vermischte sich auf das Lieblichste mit fruchtbeladenen Obstbäumen, dunkelrot blühenden Granaten, weißem, fast betäubend duftenden Jasmin, blauen Winden und der Masse des überall wuchernden Oleanders, aus dessen rosenfarbigen Blüten häufig schwarze Zypressen wie zierliche Obelisken hervortreten. Reife Kirschen, saftige Maulbeeren und Mandeln in ihrer samtgrünen Schale hingen über dem engen Weg häufig ganz mundgerecht auf uns herab. Von allen Seiten rauschten Felsbäche neben und über den Weg hin, hie und da kleine Kaskaden bildend, die tiefer unten mehrere Mühlen trieben. Unterwegs gab es immer wieder tiefe Ausblicke in die weite Ebene bis Tunis. Der Weg führte zum römischen Quellheiligtum, dem zwei Kilometer außerhalb der Stadt liegenden Nymphäum. Das ist auch der noch heute abenteuerliche Weg zum Gipfel des Zaghouan. Dorthin folgen wir dem Fürsten aber erst in einem weiteren Beitrag in dieser Serie.
Siegfried Kohlschmidt
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