„Zeitmaschine“ von Wells im Staatstheater Cottbus

„Zeitmaschine“ von Wells im Staatstheater Cottbus
Per Knopfdruck Jahrtausende überspringen (v.l.n.r.): Susann Thiede, Torben Appel, Markus Paul und Lucie Luise Thiede
Foto: Bernd Schönberger

Eines Tages im Jahre 802.701.

Cottbus. Reizvoll mögen solche Gedankensprünge schon sein, wenn man genügend Rotwein dabei hat. Aber auf dem Theater kann leicht das Schlimmste passieren – ein KI-generiertes Entgleiten ins schauspielfreie Absurde. So nahmen zur gut besuchten Premiere von „Die Zeitmaschine“ einige Stammbesucher des Hauses zur Pause ihre Garderobe. Das Perfideste blieb ihnen erspart: Porträts von Wissenschaftlern werden von Texten angesteuert und beginnen KI-generiert als Hauptdarsteller des Stücks zu sprechen.

„Die Zeitmaschine“ ist ein Frühwerk des Engländers Herbert George Wells (1866-1946), der Historiker, Biologe, Soziologe und eben auch Science-Fiction-Dichter war (nicht zu verwechseln mit Orson Welles, der eine Generation später mit dem Roman „1984“ der Wirklichkeit sehr nahe kam). Wie trefflich Wells die Zukunft zeichnete, wird kein Mensch erfahren; er katapultiert seine Geschöpfe ins Jahr 802.701, wo sie sich als Lemuren unterirdisch produktiv schinden, um von Zeit zu Zeit ans Licht zu den großäugig kindlich Glücklichen kommen, um sie zu fressen. Dass es so schlimm kommen muss, liegt – wie könnte es anders sein – an heutigem unverbesserlichen Umweltfrevel.

Das jedenfalls arbeitet diese Textfassung und Inszenierung von Helgard Haug heraus, die bekannt wurde mit ihrem dokumentarischen Theater. „Richtige“ Schauspieler, deren Kunst das Publikum auf Bühnen ersehnt, bleiben reduziert auf ratlos Vorlesende – kein Glücksabend für Mutter und Tochter Thiede, Markus Paul und Torben Appel.

Zwar versucht sich das Stück mit Erzählungen über einst dampfgetriebene Textilindustrie an der Spree und Erklettern der „Zeitmaschine“ Blaue Uhr etwas lokal festzumachen, aber im Ganzen bleit es blutleer. Den stärksten Eindruck hinterlassen noch die Damen und Herren des Projektchors (Einstudierung Ilja Panzer, Musik Barbara Morgenstern), die in mehrstimmigen trüben Gesängen und wenig Restleben das erforderlich trübste Zukunftsbild zeichnen.

Weitere Vorstellungen sind im Großen Haus angekündigt für den 4. und 17. April, den 9. Mai sowie den 7. und 21. Juni. J. Heinrich

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