Bitte aktiviere / Please enable JavaScript![ ? ]
Eine sehr veränderte Straßenecke - Märkischer Bote Eine sehr veränderte Straßenecke Eine sehr veränderte StraßeneckeMärkischer Bote
Samstag, 30. September 2023 - 21:44 Uhr | Anmelden
  • Facebook SeiteTwitter Seite

header-logo


 
das epaper der lausitzer heimatzeitung
Anzeigen

Eine sehr veränderte Straßenecke

Bilder aus der alten Neißestadt Guben | Von | 1. September 2023

Im alten Guben erinnerte früher ein Straßenname am den Industriellen Cockerill.

Die Rätselaufgabe war diesmal sehr speziell, und da das Motiv ländlich wirkte, tippten auch mehrere Leser auf die Erntefreude. Fast richtig war die Vorfreude auf die Maidemonstration (zu der damals auch viele Leute wegen des Freibiers und einer Bockwurst gern kamen), denn das gezeigte Ereignis fand am Vorabend des Maifeiertages, also am 30. April eines Jahres statt, in dem sich sehr viel Positives ereignet hat: 1949. In der Nachkriegszeit gab es relative Erleichterungen. Zum Beispiel waren ab Februar in den Gaststätten Fleischgerichte ohne Abgabe von Lebensmittelmarken zu bekommen. Fast alle Grundnahrungsmittel gab es bis 1958 in der DDR auf Lebensmittelmarken, daneben bot die HO (volkseigene Handelsorganisation) freie Waren an. Deren Preise senkten sich ab Mai 1949 zum Beispiel bei Weizenmehl von 7,50 auf 6,00 D-Mark pro Pfund (500 Gramm), bei Bohnenkaffee von 80 auf 60 D-Mark pro Pfund und bei Kohlen von 12,50 auf 9,50 DM pro Zentner (50 kg). Die Zahlen zeigen, wie utopisch solche Preise für den Normalbürger waren, aber die Staat schöpfte mit dieser Handelsform damals schon Überschüsse ab, die es vor allem aus Schwarzgeschäften gab.
Nun zum Bild aus dem Jahr 1949, dem Gründungsjahr der DDR. S. Sachse mailt: „Es wird vermutlich die Kugelbrücke in Guben eingeweiht worden sein und auf dem Autos stehen die Männer, die das ohne viel Technik geschafft haben. Die Einwohner waren in jenen Notzeiten begeistert von jedem spürbaren Fortschritt. Deshalb haben sie sich am Straßenrand versammelt.“

20171020 100000 1

Die sanierte Gubener Kugelbrücke in einer Aufnahme aus dem Jahr 2017. Als noch vieles in der geteilten Stadt in Trümmern lag, ist sie 1949 wieder aufgebaut worden.

Genauer weiß das Manfred Gnida aus Spremberg. Er erklärt: „Im Foto ersichtlich wird ein besonderes Ereignis Gubener Geschichte nach dem II. Weltk­­­­rieg, von Zuschauern und Akteuren festlich gewürdigt. Hier in der Alten Poststraße war die Tuchfabrik Lehmann & Richter, zu DDR-Zeit Gubener Wolle, Werk IV, jetzt Plastinarium, und die Kugelbrücke, um die es sich bei dem Foto handelt. Die Kugelbrücke, Namensgeber sind ihre einen Meter großen vier Kugeln am Brückenaufbau über die Egelneiße, wurde 1945 durch die Deutsche Wehrmacht gesprengt. Um eine Überquerung zu ermöglichen, wurde eine provisorische Holzbrücke neu errichtet, welche am 30. Juni 1945 übergeben wurde. Leider genügte die Holzbrücke den Ansprüchen in der Folgezeit nicht mehr und es wurde eine neue Betonbrücke gebaut. Zur Einweihung am 30. April 1949 ist diese Aufnahme entstanden, und das erste Fahrzeug fuhr durch das Einweihungsband, welches man noch schwach an der Vorderfront des Fahrzeuges erkennen kann.

IMG20230824103842 e1693572639343

Gefeiert wird die Einweihung einer Brücke

Zum Fahrzeug: Im Bild ist ein Halbkettenfahrzeug der Wehrmacht zu sehen, wie es und auch als Zugfahrzeug für einen Culemeyer (Spezieller Roller zum Transport von Güterwaggons über Straßen) geeignet war. An dem ehemaligen Wehrmachtsfahrzeug ist noch das damalige Kennzeichen SB mit Nummer zu sehen, die für russische Besatzungszone Brandenburg steht. Diese Kennzeichen wurden von 1948 bis 1953 ausgegeben und dann nicht mehr. Nach 1945 ging der östliche Teil Gubens an Polen und der westliche Teil wurde SBZ – Sowjetische Besatzungszone von 1945 bis 1949.
Aus meiner früheren Arbeitsstelle sind mir die Culemeyer gut bekannt, die in dieser Zeit von ‘Tatra’-Zugmaschinen gezogen wurden, und in der Bundesrepublik waren Zugfahrzeuge von KAELBLE ein Begriff. Zurück zur Kugelbrücke, welche ich auf einem Foto saniert mit allen vier Kugeln und der Jahreszahl 2014 sah, wobei ich einen schönen Anblick hatte.“
Unsere Leserin L. Schiebel aus Heilbronn hat herausgefunden, dass unser Bild im Gubener Heimatkalender von 1989 zu finden war. Dort stehen weitere bemerkenswerte Fakten. Sie schreibt: „In dem Jahr, als die Kugelbrücke wieder befahrbar wurde, spielte noch das Gubener Theater, wenn auch nicht in seinem Hause auf der Insel. Im Juni hatte die Operette „Die Blume der Prärie“ Uraufführung. Das Libretto hatten die Gubener Erich Arlt und Wulf Rittscher verfasst, die Musik stammte von dem Gubener Kapellmeister Max Reichelt. Ich kann aber nicht sagen, welchen Erfolg das Stück hatte. Ich glaube aber, meine Freundin Hanna Salewski hat darin noch gesungen. Gern würde ich einmal noch mehr über das schöne Gubener Theater lesen, das ja noch weit älter war ls das Cottbuser, das ich viele Jahre besuchte.“
Vielen Dank für diesen kleinen Ausflug in die Welt der Bühne. Knut Noack aus der Straße der Freundschaft in Lauchhammer hat sich für ‘Vorfreude auf eine Maifeier“ entschieden, und die könnte ja durchaus bei den Besuchern dieses Ereignisses schon mitgeschwungen haben.
Franz Ernst aus Cottbus erinnert daran: „Von den Gubener Brücken war doch erst unlängst die Rede. Mehrere sind in den 1920er Jahren gebaut worden. Ich meine, alle wurden im Krieg zerstört, auch die hier neu eingeweiht über die Egelneiße. Das Foto ist ein bezeichnendes Dokument über den Aufbauwillen. Es gab nicht nur die Trümmerfrauen, sondern auch die vielen Männer, die Hand anlegten und sich nicht schonten. Sie werden sich auch auf den 1. Mai gefreut haben, der damals und später in der DDR immer mit großen Demonstrationszügen und anschließenden Betriebs- oder auch Familienfeiern begangen wurde.“
Eine mail kam aus dem Dresdener Raum: „Ein tolles Bild aus Zeiten, als noch kaum jemand einen Fotoapparat hatte. Es gibt nur wenige Bilder von den Trümmerzeiten und dem Wiederaufbau. Ich denke, hier sammeln sich schon Leute zum 1. Mai, die ein altes Auto wieder zum Fahren gebracht haben. Es wurden ja damals auch Autos, die von der Wehrmacht oder in den zunächst westlich besetzten Gebieten der späteren DDR von Amis oder Franzosen liegengeblieben waren, also Lkws und Zugmaschinen’ wieder aufgebaut. Vielleicht ist das sowas.’
Und schließlich meint Heidi Zeumke: ‘Die Leute am Rand sind fröhlicher als die auf dem Auto. Vor allem die Kinder sind begeistert. Das sieht nach Einweihung einer Straße oder Brücke aus. Leider ist die Brücke gar nicht zu erkennen.“

Weitere Beiträge über das historische Guben und das Umland finden Sie hier!



Anzeige

Kommentar schreiben

Kommentar


Das könnte Sie auch interessieren: