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Cottbus/Lieberose: Strittmatters Großvater war mein „Hamlet“

Cottbus, Spree-Neiße | Von | 13. Mai 2016

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Teenachmittag in Michael Beckers wildromantischem Hausgarten in Lieberose. Hier am Rande der Heide ist er aufgewachsen, ganz ähnlich wie sein Idol Erwin Strittmatter in Bohsdorf, der seine Heide „Heede“ nennt. Das malerische Landstädtchen mit seinen teils kautzigen, teils auch tragischen Gestalten wurde ihm in den letzten Jahren Inspiration für sein Geschichten. Aber er sieht sich nicht als Dichter, sondern immer vor allem als Schauspieler. Das will er auch noch ein „Zeitchen“ bleiben…

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Szenenfoto aus Strittmatters „Der Laden“ mit Oliver Breite als Esau Matt am Staatstheater Cottbus. Für Michael Becker war Großvater Matthäus Kulka die Traumrolle schlechthin. „Fast alle Kollegen träumen davon, einmal den Hamlet zu spielen. Großvater Kulka war mein Hamlet“, sagt er Foto: Marlies Kross

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Wurzelgemüse für einen kräftigen Brühreis. Während der Theater-Spielzeit lebt Michael Becker überwiegend in Cottbus. Das Wochenende fängt für ihn normalerweise mit dem Einkauf auf dem Wochenmarkt an der Oberkirche an. Ob bei den polnischen Händlern, den Fleischverkäufern oder den Blumenfrauen – überall ist Zeit genug für Küchen- oder Garten-Fachsimpelei Fotos: Autor

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Man kennt sich in Lieberose. Beim Stadtrundgang begegnet Michael Becker am Markt Annemarie Gottschald, „die alles weiß über das Schloss und die Schulenburgs“. Ihr Großvater war Schlossgärtner, die Großmutter hat in der Schlossküche gearbeitet. Sie selbst war Lehrerin und hat im „Stadtjournal“ wiederholt Beiträge über die Region geschrieben. So sind die beiden geborenen Lieberoser also auch Schriftsteller-“Kollegen“. Und natürlich jeder auf seine Art engagiert fürs Städtchen unterwegs

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Seit 2003 erscheinen Beckers Bücher (www.beckergeschichten.de). Vier sind es inzwischen. Aber er stellt klar: Ich bin kein Literat; das sollten andere machen. Ich bin ein Schauspieler, der Geschichten erzählt – ja, so etwa in Strittmatter-Richtung…

Der Schauspieler Michael Becker wird 65 – er wünscht sich einen goldenen Davidstern:

Cottbus/Lieberose. Es waren beachtliche Sprünge, die der Junge aus kleinen Verhältnissen in Lieberose schaffte: nach Beeskow zur EOS (Erweiterten Oberschule), nach Leipzig und Dresden zur Schauspiel-Hochschule, dann Görlitz/Zittau und Bautzen, ab 1985 Cottbus. Keine Umwege, immer geradeaus, immer im festen Engagement. Über 200 Rollen hat er gespielt. Nie ist seine Leidenschaft fürs Theater erloschen. Zu mindestens einer weiteren Spielzeit hat er sich verpflichtet. „Die eine oder andere Rolle würde ich auch danach annehmen“, sagt er, lehnt sich im Gartenstuhl in seinem „Sterbegrundstück“ zurück und diktiert eine paar Tage vorm „Rentengeburtstag“ sein Vermächtnis.
Aus der Diaspora
In seinen Texten steckt oft jauchzendes Glück. „Ich lass’ den Tag kommen“ schreibt er, fühlt sich, nackt durch den Sommergarten wandelnd, wie Adam im Paradies und weiß, wie Ringelnattern Frösche hypnotisieren. Im  Häuschen wohnte Großmutter. „Meine Mutter hat es für wenig Geld gekauft, und jetzt bleibe ich hier“, sagt Becker. Er zeigt zum Türmchen über den Dächern: „Da drüben bin ich aufgewachsen.“ Ein Khan aus Afghanistan, ein Ruderer mit Musikerfrau aus Petersburg waren anregende Figuren seiner Kindheit.
Idylle. Aus ihr heraus beschreibt sich der große, stattliche Mann als Wesen in der Diaspora. Es ist seine Lebensrolle unter Andersdenkenden: „Ich bin Kommunist, ich bin schwul, ich wollte eigentlich Jude sein.“
Tatsächlich war er vor Jahren in Berlin „bei dem Chef da“, um sich als Jude zu bewerben. „Der lächelte mitfühlend und hat mir  beigebracht, dass das Unsinn ist, naja.“ Er bleibt dabei – seine Position ist bei den „Anderen“.
Nein, natürlich nicht „militant“ anders. Dieser Becker versteht zu genießen, hat große Ballettshows in der Semperoper moderiert, dann und wann vom Champagner gekostet und sich mit Frauen gut zurechtgefunden.
Und er will und kann eingreifen.  Unvergessen bleibt seine Regiearbeit mit „Hallo Nazi!“, ein Drei-Personen-Stück junger politisch Verirrter. Im Pavillon in der Stadtpromenade wurden ihm zur Premiere die Scheiben eingeschmissen. Vermutlich von Rechten. Da war die Arbeit des Schauspielers mitten in der Zeit. „Es gab Schlagzeilen bundesweit, die kriegen wir bei besten Dramen ohne Radau selten.“ Becker hat das Thema ausgebaut, „Hallo Nazi“ in Polen mit Leuten aus Zielona Gora inszeniert. „Das war ein wunderbares Arbeiten. Ich habe dort gewohnt, schlicht und gut versorgt. Alles prima.“ Und die Sprache? „Ach das geht. Russisch, Polnisch, Deutsch – alles.“ Becker spricht exzellentes Russisch. Lieberoser Schule. Der Sohn vom Ruderer und der Balalaikaspielerin aus Leningrad war sein Russischlehrer. „Ich habe ihm viel zu verdanken.“ Zu Zeiten von Intendant Johannes Steurich hat er sogar mal als Dolmetscher ausgeholfen. „Aber dann hat der mich kritisiert, weil ich Jeans trug. Wie kommt der mir denn!“
Dieser Becker ist in keine Schublade zu bekommen. In guten Tagen schwärmt er von seinem Theater. Von seiner Stadtwohnung aus in der Stadtpromenade kann er die Panther sehen. „Es gibt nichts Schöneres“. Außer vielleicht Lieberose.
An diese Bühne kam er 1985. „Fiete“ Jansen war damals Interims-Oberspielleiter nach Röll. „Der hat mich engagiert. einen Bolschewik ohne Parteibuch, wie Brecht.“ In Bautzen, sagt Becker, war er Parteisekretär, „aber hier haben die mir nicht mal eine Gruppe gegeben. Ich war nie beliebt.“ Immer etwas Diaspora…
Hella Müller, Christoph Schroth, Oljandro Quintana, Andreas Dresen, Peter Kupke Anu Saari, jetzt Mario Holetzeck („Dem bin ich für Großvater Kulka so dankbar“)   – er zählt Regisseure auf und die Augen glänzen. Jeder Name ist Rolle und Lebenszeit.
In den Lieberoser Pardiesgarten blinkt die Abendsonne ums nachbarliche Fachwerkhaus. Nach einer Nostalgierunde durch seine Traumstadt LIEBE ROSE – „Welch zwei Worte für diese Stadt!“ –  kommt Michael Becker energisch zur Sache. „Das schreib’ jetzt aber auch!“
Mein Vermächtnis
„Drei Dinge möchte ich“, diktiert Micha, “aber lass’ uns erst  Tee aufgießen. Mach’ mal, Du kennst ja den Topf, in dem runden Dings, das ist Zucker“. Mein Tee ist versalzen.
„Also zuerst…“ Das Diktat geht weiter. Michael Becker möchte, dass Zuschauer, denen es gefallen hat, abends Blumen auf die Bühne werfen können. „Dazu muss eine Blumenhändlerin vorm Eingang stehen und verkaufen. Wo ist das Problem?“
Idee zwei hat russische Wurzeln. „Wir ehren alle möglichen Leute und vergessen sie bald. Ich will Menschen, die geistig etwas für diese Stadt geleistet haben, festhalten. Zum Beispiel Doro-thea Kleine. Unsere bedeutende Schriftstellerin. Kennt die noch jemand? Ich werde bei ihr am Grab lesen.“ Schnell ergänzt er: Und außerdem muss ein riesengroßer Leichhardt am IKMZ stehen. Für unsere Studenten. Der hat was geschafft. Aus Trebatsch bis nach Australien. Na!“ Schließlich: „Auf unsere Synagoge am Schlosskirchplatz muss ein goldener Davidstern!“ Er kenne die Leute da gut, die seien bescheiden „und haben’s gar nicht so sehr mit der Religion.“ Aber der Stern, der gehöre da hin. „Ich finde, dafür könnten sich unsere Grünebaum-Preisträger einsetzen, Geld sammeln.“ Nein, aus  öffentlichen Kassen solle das nicht finanzieret werden. Dieser Stern, der könne ein gutes Zeichen sein… Ein wenig sicher auch ein Becker-Zeichen. J. Heinrich



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