Ruhe in Frieden, Opachen!

Der Obergefreite Erich Kugland ist am 22. August vor 73 Jahre in Südfrankreich gefallen – Urenkel Peter Cuber besuchte ihn jetzt

Region. Es war ein weiter Weg, auf den sich Peter Cuber diesen Sommer machte. Weit zurück in der Zeit, weit aber auch an Kilometern auf der Landkarte.
Der Cottbuser Junge hatte sich schon vor zwei Jahren in den Kopf gesetzt, seinen Urgroßvater zu finden. Er wusste zunächst nicht viel über ihn – nur, dass er in Südfrankreich gefallen war, und dass es dort eine letzte Ruhestätte von ihm geben müsste.  Immerhin hatten seine Großeltern damals mit der Todesnachricht die Brieftasche von Erich Kugland zugeschickt bekommen, blutdurchtränkt. „Es hieß, dass Großvater von Partisanen ins Herz getroffen wurde, erzählt Birgit Mietzsch aus Heinersbrück. Sie ist Peters Mutter, die Enkelin des einstigen Obergefreiten, auf dessen Spur sich der Großenkel diesen Sommer begab. Sie und Stefan Mietzsch, der zur Familie kam, als Peter sieben war, sind stolz auf den Jungen, der in Schmellwitz und dann in Heinersbrück und Peitz zur Schule ging, mit Mutters Einwilligung beim Bund schon mit 17 vereidigt wurde und heute als Marineflieger im deutschen Norden dient und dort auch wohnt. Mit dem Fahrrad hat er sich diesen Sommer auf den weiten Weg zu seinem Urgroßvater gemacht. Er fand den Friedhof von Dagneux bei Lyon und unter 19 847 Gräbern auch das seines Vorfahren. Auf den Friedhof, der seit 1952 mit Unterstützung der Deutschen Kriegsgräberfürsorge angelegt wurde, sind Opfer der weiten südfranzösischen Region, die zunächst auf zivilen Friedhöfen begraben waren, umgebettet worden. Die meisten gehörten zu den damals schon geschwächten Kräften der 19. Armee, die hier innerhalb von 14 Tagen geschlagen wurde, als die Alliierten ab 15. August 1944 an der Riviera landeten und ihre „Operation Dragoon“ durchkämpften.
Peter Cuber, heute 31, kniet an dem Uropa-Grab und er schreibt diesen Brief:
Bis zu Dir, mein Urgroßvater Erich Kugland, war es ein weiter Weg. Er führte mich 2 200 km, mit dem Fahrrad von der Nordsee durch die Schweiz über die Alpen nach Italien. Hier erreichte ich in Genua das Mittelmeer. Die Südküste Italiens entlang ging es nach Frankreich. Hier war Dein Einsatzgebiet im 2. Weltkrieg, in dem Dein junges Leben ein Ende fand. Hier wurde Dein Convoi von französischen Freiheitskämpfern angegriffen und Du wurdest durch einen Schuss ins Herz getötet. Das Einzige was von Dir den Weg zurück in die Heimat fand, war Deine blutverschmierte Geldbörse. Von Deinem Sohn (meinem Opa) weiß ich, dass Dein Verlust zuhause ein Loch hinterlassen hat, welches sich niemals schließen ließ. Nun ist Dagneux bei Lyon Deine Ruhestätte. Du bist denkmalgeschützt. Und vielleicht hast Du so die Unsterblichkeit erlangt?
Es ist ein sehr bewegendes Gefühl, hier bei Dir und Deinen zahllosen gefallenen Kameraden zu sein. Die Mehrheit hier auf diesem Friedhof erreichte nicht einmal das 25. Lebensjahr.
Viele sagen, dass dieser Krieg sinnlos war. War er auch.
Für mich hat Eure Generation dennoch was erreicht.
Denn nach dem Krieg herrscht bis heute Frieden in Deutschland und seinen Nachbarländern. So lange gab es in der europäischen Geschichte noch nie zusammenhängenden Frieden auf diesem kleinen Flecken Erde.
Euer Leid, das ganze Blutvergießen (auf allen Seiten), die Trauer Eurer Familien – all das, damit die Generationen nach Euch im Frieden aufwachsen konnten und es bis heute können.
Für mich war Dein Tod deswegen nicht sinnlos.
Du bist ein Held für mich.
Ich bin auch Soldat. Das verbindet uns ebenso, wie unser Blut.
Denn ein Teil von Dir lebt in mir weiter.
Und ich werde Deinen Einsatz für uns nicht vergessen und alles dafür geben, die Menschlichkeit, die Freiheit und den Frieden zu bewahren.
Das sind wir – bin ich – Deiner Generation schuldig.
Ruhe in Frieden, Uropachen.

Die Eltern daheim in Heinersbrück haben Peters große Reise zu den Wurzeln seiner Familie anhand geposteter Nachrichten und Bilder verfolgen können. „Immer wieder lese ich diesen Brief“, sagt die Mutter, „und ich bin tief gerührt.“ Sie erzählt auch, dass dem Cottbuser in Dagneux Jugendliche begegneten, die freiwillig bei der Pflege des 4,5 Hektar großen Friedhofs helfen. Ihnen hat er seine Geschichte erzählt und seine Gedanken übermittelt. Zuvor hatte er auf seiner Matte hier auf dem Friedhof bei seinem Großvater übernachtet – natürlich mit Genehmigung der Friedhofsaufsicht. Er wollte der großen Dimension dieser seiner Geschichtsreise einfach Zeit und Raum geben. „Und davon sollten auch wir wissen“, findet seine Mutter.    J. Heinrich