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Drachen raufen sich zusammen

5. Mai 2017 | Von | Kategorie: Feuilleton |

Drachen raufen sich zusammen

Szenenfoto aus „Turandot“ in Regie von Martin Schüler mit: ( v.l.) Martin Shalita als Calaf, Soojin Moon in der Titelpartie der Turandot und Max Ruda als chinesischer Kaiser Altoum. Im Hintergrund Damen und Herren des Opernchores, des Extrachores und Chorgäste Foto: Marlies Kross

Anmerkungen zu Schülers Inszenierung des blutigen „Turandot“-Stoffes von Puccini.

Cottbus. Zum Happyend mit Kuss und Liebe und Heirat (die übliche Spielpraxis) kommt es bei Opernregisseur Martin Schüler nicht; vielmehr verwirklicht sich bei ihm das monströse Eröffnungsbild (Bühne Walter Schütze): Zwei Drachen stehen sich gegenüber und schicken sich an, sich zusammenzuraufen. Es geschieht kein Verlieben, sondern eher ein zupackendes Vergewaltigen zwischen der kalten Prinzessin Turandot und dem kühl berechnenden Prinzen Calaf, dessen zu erratender Name nicht „Liebe“ oder „Gemahl“ zu lauten scheint, wie das italienische Textbuch vorschreibt, sondern „Duce“ – in großgestiger Diktatoren-Pantomime im Schlussbild.
Bis es soweit kommt, erlebt das Publikum eine mitreißende Oper  von schwellend voller Musik (am Pult des Philharmonischen Orchesters GMD Evan Christ), auf der Bühne vor allem getragen und in wallender Bewegung gelebt von großartigen Chören. Christian Möbius hat den Opernchor und den Extrachor um den Kinder- und Jugendchor des Staatstheaters und weitere Chorsolisten verstärkt. So erfüllen Ton- und Bewegungsbilder das Haus in erschauernder Schönheit. Drachenschöpfer Schütze hat auch einen tonlos wabernden Riesen-TamTam (Gong) gebaut und im Übrigen eine sachliche und höchst praktische  Architektur geschaffen, die mehrere Spielebenen und  eindrehbar schnörkellose Räumlichkeiten bietet. Strenge und bürokratische Kälte steckt in den Leitzordnern, die auch mal geheimdienstlich ein Telefon verstecken. Immer klarer wird der Aufstieg zur Macht, in dem sich  Martin Shalita als Calaf vom verlorenen Sohn zum berechnenden Karrieristen wandelt. 26 Prinzen hat die Prinzessin, meist vor freudig erregtem Volk, köpfen lassen? Da ist mehr möglich, dämmerts dem Manne. Er spielt die Rolle sehr präzise, auch in den stummen Szenen, und singt einen ungeheuer kraftvollen Tenor, der  die Lampen im zierlichen Theater fibrieren lässt. Soojin Moon erweist sich ebenbürtig. Die Koreanerin hat hier schon die Tosca gesungen – eine welterfahrene Sopranistin, die hier auch durchaus die Motivation ihrer Grausamkeit zu vermitteln versteht.
Mit Szenenapplaus gefeiert wird  Debra Stanley in der Partie der  Sklavin Liu, die ihr die Möglichkeit gibt, die schöne Stimme in krisitallener Klarheit zu himmlischen Höhen zu führen. Vergeblich – Calaf, dem ihre Liebe gilt, würdigt sie keines Blickes. Am Ende stirbt sie im Messer von eigener Hand, um den Geliebten zu schützen. Ihrem gebrochenen Herrn und König Timur (Ulrich Schneider in einem schwer einzuordnenden Rollenverständis), blinder und längst gebrochener Vater des Calaf, kann sie nicht mehr helfen.
Als keineswegs ehrenhafte (aber höchst witzige) Erfüllungsgehilfen des furchtlosen Prinzen erweisen sich Ping, Pang und Pong, die Minister und verwaltenden Schreibtischtäter. Heiko Walter, Hardy Brachmann und Dirk Kleinke gestalten diese Schlüsselrollen mit Eifer, Hinterlist und trippelnder Eile, dabei mit hoher Stimmqualität. Gleiches gilt für den Mandarin Andreas Jäpel.
Vom „Prinz von Arkadien“, den er mit eigenen Textfassungen mehrfach in Silvesterprogrammen gab, ist Bayreuth-Sänger Max Ruda, nun schon 83jährig, zum Kaiser  von China aufgestiegen. Er singt den greisen Vater der Turandot mit verzweifelt gebrochener Stimme und gemessener Gestik. Eine glückliche Besetzung für diese Partie.
Nicole Lorenz (Kostüme) hat den Kaiser majestätisch, den Rest des Personals aber kaum chinesisch, eher modern-mannschaftlich angezogen, passend also zum anfangs nicht absehbaren Ausgang der Geschichte.
Die Oper wurde übrigens schon 1926 im vordiktatorischen Mailand uraufgeführt. Giacomo Puccini, geboren 1858,  hatte sie nicht vollendet, und so wurde sie bis zur fraglichen Stelle gespielt und dann kommentiert: An dieser Stelle starb der Maestro. Er war also, als den starken Raucher der Kehlkopfkrebs dahinraffte, längst ein gefeierter Mann. Die Rede an seinem Grabe hielt Mussolini persönlich. Vollendet hat die Oper später Puccinis Schüler Franco Alfano nach Skizzen des Meisters.
Cottbus feierte die Schüler-Interpretation und das  ganze Ensemble stürmisch. Stehende Ovationen dankten den Künstlern für einen granidiosen Opernabend. Für den 11. und 24. Mai könnte es Restkarten geben, dann erklingt „Turandot“ erst wieder am 8. Oktober.              J. Heinrich




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