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Feuilleton: Die Pest im Lustbad

Feuilleton | Von | 14. Juni 2019

Anmerkungen zu „Volksfeind“ und anderen Dichtungen in einem Demokratie-Untergangsszenario.

volksfeind 8 presse

Auf der Suche nach Wurzeln und Wesen der Demokratie geht die Cottbuser Inszenierung von „Ein Volksfeind“ nach Henrik Ibsen im ersten Teil ins klassische Griechenland zurück | Foto: Marlies Kross

Cottbus. Hautnah am wirklichen Leben hatte hochpolitisches Theater in Cottbus Premiere. Schauspieldirektor Jo Fabian inszenierte einen von Dramaturg Lukas Pohlman weitaus fortgeschriebenen und schwer beladenen Henrik Ibsen. Dessen „Ein Volksfeind“ enthält Zündstoff genug, wenn es um Gefährdungen der Demokratie, um Korruption, Vetternwirtschaft und Manipulation der Massen mithilfe käuflicher Medien geht. Das war den Protagonisten längst nicht genug. Sie ziehen ihre Bahn vom Begrifflichen „demos“ und „kratos“ für Staatsvolk und Macht im hellen Griechenland, beladen ihre Reise mit ausschweifender Abhandlung der allein stückfüllenden Frauenrechtschronik und philosophieren hemmungslos vom Prolog bis zum gegenwärtigen Niedergang jeder Vernunft.
Das Spiel macht atem- aber auch ratlos. Es entfacht solche Gewalt, dass tiefes Schweigen herrscht im Parkett und dann ein Beifallsturm ausbricht. Wer will, kann danach mit den Machern reden über das Gesehene, Gehörte, manchmal auch nur Geahnte. Denn alles bekommt der Zuschauer nicht direkt mit. Fabian hat, wie schon bei „Onkel Wanja“, wieder Pascale Arndtz als Bühnenbildnerin im Boot, die einen schönen Badbrunnen baut, dessen Säulen den Zuschauer zu erheblichem Teil die Sicht verstellen. So ergibt sich diese voyeuristische Spielweise, die den Zuschauer auch akustisch wegdrängt, indem ständig heftig durcheinander geredet oder auch nur gelautäußert wird. Am Schluss muss offen bleiben, wie und durch wen es zu dem kam, zu dem es eben kam. Endet jede Demokratie also zwangsläufig in Diktatur?
Hier jedenfalls fängt sie malerisch an, diese Brüder- und Schwesterlichkeit in einem ungehemmten Lustbad. Aus Ibsens Vorlage kommt der Konflikt zwischen dem Bürgermeister und seinem Arzt-Bruder, der enthüllt, dass hier eigentlich die Pest droht. Das Kurwasser ist verseucht. Anfangs wird der Wissenschaftler geschätzt für seine eigentlich naive Offenheit. Doch wirtschaftliche Interessen – und da rückt das Badepublikum allein durch den Wechsel der Garderobe in Gegenwartsnähe – setzen sich durch, manipulieren das Volk, das immer gern Parolen wählt. Gunnar Golkowski wird dieser „Feind“, spielt mit fanatischem Eifer. Überhaupt wird viel personeller und technischer Aufwand betrieben. Das Ensemble steigert sich vollkommen authentisch in das Konfliktgemenge.
Premiere war am Vorabend des jüngsten Wahlsonntags. Wir sahen die begeistert aufgenommene Vorstellung am 6. Juni. Jetzt steht das Stück erst in der kommenden Spielzeit am 18. und 27. Oktober 2019 wieder im Spielplan.
J.Heinrich

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