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La Bohème – Im klirrend kalten Zirkus des Künstlerlebens

Cottbus | Von | 28. Oktober 2022

Anmerkungen zu Puccinis “La Bohème” in Regie von Claudia Meyer mit der traumhaften Jieun Choi.

Cottbus. Ein begeistertes, auch tief bewegtes Publikum strömte vergangenen Samstagabend (22.10.22) zur zehnten Stunde aus dem hell erleuchteten Theater auf die nächtlichen Straßen. “La Bohème” war verklungen, die herrlich tragische Puccini-Oper aus dem Pariser Dachstuben-Millieu der 1830er Jahre. Populäre Musik voller Schwermut in schönen Arien und Duetten erklang unter musikalischer Leitung von GMD Alexander Merzyn, eine Musik, die ganz unmittelbar all diese Höhen und Tiefen der Gefühle zeichnet, wie das Worte allein nimmer könnten. Merzyn feuert seine Philharmoniker förmlich hinein in den Todesschmerz und lässt die Töne tanzen im Übermut der Armseligkeit.
Aber was jeder kennt und vielfach (vermutlich immer in Männer-Regie) gesehen hat, ordnet Regisseurin Claudia Meyer auf höchst intelligente Weise neu. Ein nicht ganz frisches, schwarzes Zirkuszelt wird zum Ort ihrer Handlung. Nicht mal einen Ofen gibt es hier, nur eine Feuerschale, in der Rodolfo sein Drama Kapitel für Kapitel verbrennt, um aus dem Manuskript für sich und seine Partner eine Ahnung von Wärme zu erklangen.
Das Mädchen Mimi tritt, als die Freunde am Weihnachtsabend zum Feiern gehen, nicht als zartes Mäuschen in diese Manege, sondern als willensstarke, leider schon kränkelnde Frau, eine Künstlerin, die Blumenbilder schafft. Sie sucht Rodolfo und nimmt ihn sich mit einer kleinen Schlüssel-Schwindelei, an der auch er sich beteiligt.
Modern, vor der alltäglich spalterisch geführten Diskussion vom Frieren, erzählt Claudia Meyer diese Fabel in schönen Bildern, die vereinzelt gewollt überborden, wie eben unsere Poledance-Comedy Gegenwart und das Chor-Gewusel, als würde alles gut. Die Regisseurin, selbst lange Schauspielerin, dann erfolgreich in der Schauspielregie (zuletzt in Weimar), zeigt hier nach “L’Orfeo” (2011 in Cottbus) ihr zweites Beispiel für großes Musiktheater-Talent. Die Bühnenbildarbeit teilte sie sich mit Konstantine Dacheva; die zeitlosen Kostüme entwarf Regine Standfuss, Christian Möbius studierte die Chöre ein.
Und nun diese Stimmen!
Schon für ihr Blumenlied dankte das Publikum dieser Mimi mit stürmischem Beifall. Die koreanische Sopranistin Jieun Choi wurde nach ihrem ersten Auftritt in dieser Stadt gleich hinter vorgehaltener Hand als “die Maria Callas der Lausitz” geadelt. KS Prof. Dr. Ewa Wolak hat sie an der Hochschule für Musik “Hans Eisler” seit 2019 zu diesem Glanz reifen lassen. Welch ein Genuss, sie, verhalten spielend, zu hören!
Stimmlich ganz ebenbürtig begeistert der Russe Alexey Sayapin, der als schon gefeierter Weltstar zum festen Cottbuser Ensemble gehört, als von Eifersucht zerfressener Dichter Rodolfo. In ihren Arien und Duetten gestalten diese beiden Ausnahme-Künstler die Höhepunkte der Inszenierung. Spielstark und ausgezeichnet im Gesang treibt das ewig zänkische zweite Liebespaar die Handlung voran: Ketevan Chuntishvili bringt als in Liebesdingen lottrige Musetta ihren fleißigen Maler Marcello, temperamentvoll von Daniel Foki verkörpert, fast zum Verzweifeln. Nils Stäfe darf hingegen ganz souverän der Strahlemann sein: er bringt als Musiker gelegentlich reichlich Kost auf sonst leere Tische der Solidargemeinschaft. Das harte Leben. überspielt von Lust, zermürbt sie alle, doch im Kern bleibt, was das Konzept als Botschaft erhofft, die menschliche Stärke. Als Mimi, schon sterbend, nach einem halben Jahr zurückkehrt ins verschlissene Lebenszelt, geben sie, jeder für sich, ihr Letztes.
Sie besorgen den Muff, den Mimi erträumt, der Philosoph Collin (Ulrich Schneider) bringt seinen Mantel zum Pfandhaus fürs Medizin-Geld – doch alles ist nun zu spät. Die Frage, ob früheres gemeinsames Handeln ein Leben gerettet hätte, stellt sich nicht, denn Bohèmes haben in ihrer eigenen Kultur ein Daseinsrecht. Dass sie, wie manch Normalbürger heute auch, schwer zurechtkommen mit Bürokratie und Staatlichkeit, sorgt an nicht ganz passender Stelle für Lacher: Rodolfo hat endlich ein vielleicht rettendes Medikament, kommt aber mit dem endlosen Beipackzettel nicht klar.
Bliebe noch Mareike Linzer zu preisen, eine tadellose stumme Artistin an der Stange, ein Anderwelt-Wesen. Sie deutet wohl an, dass der Zirkus weiter gehen wird auch wenn der Schnee in die Manege rieselt und das Licht / die Heizung abgeschaltet wird…
Langer, stürmischer Beifall!
Nächste Vorstellungen sind diesen Sonnabend (29.10.22, 19.30 Uhr) und am Sonntag, den 27. November 2022, 19 Uhr.
J. Heinrich

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