Preußische Plätze in der Lausitz XV: Peitz – Die Kirche des Königs/ Majestät auf Landtour

Stadtkirche Peitz
Wie eine italienische
Basilika wirkt die evangelische Stadtkirche in Peitz, erbaut nach einem Entwurf von Friedrich August Stüler, ein herausragendes Beispiel preußischer Baukunst des 19. Jahrhunderts.

Wirklich ganz Peitz war an diesem 30. Mai des Jahres 1844 auf den Beinen, und das waren damals mit den Amtsdörfern gerechnet immerhin weit über 3000 Personen. Seit Tagen schon wurde die Stadt herausgeputzt, viele Ehrenpforten mit Girlanden und Blumen waren aufgestellt, überall wehte die preußische Flagge. Dem kleinen Lausitzer Städtchen stand eine außergewöhnliche Ehre bevor: Majestät hatten eine Stippvisite avisiert. Friedrich Wilhelm IV. wollte eine Spreewaldtour machen. Erstes Quartier wurde beim Grafen Lynar im Schloss Lübbenau genommen. Am nächsten Tag ging es mit den Kähnen in “des Waldes Dom” – und was lag am Ende des Spreewaldes? Peitz – die alte brandenburgische Festung, freilich, nur noch Reste davon, aber Zeugen einer stolzen Vergangenheit, und dafür war der Romantiker auf dem Thron immer zu haben. Also, mit dem Spreewaldgondoliere von Lübbenau nach Peitz, das war damals durchaus noch möglich. Was wäre das heute für ein touristisches Highlight!!!

 

 

 

 

 

 

 

 

Alte Kirche
Die alte Kirche, Litho um 1840. Der Saalbau mit Strebepfeilern wurde nach 1656 erbaut und stand östlich
des Rathauses. Der Turm
von 1618 fehlt auf diesem
Bild schon.

Architekt des Königs
Friedrich Wilhelm IV. betrat bei seinem Rundgang durch die Festungsstadt auch die baufällige alte Kirche; der Turm war schon abgerissen, Uhr und Glocken lagen auf dem Kirchenboden. Und er, der strenggläubige König, war der Kirchenpatron – welche Schande! Majestät sagte nichts, doch hat er sehr wohl verstanden, dass seine Hilfe nötig war. Wieder in Berlin, ließ er seinen Architekten kommen. Aha, aha, die Peitzer hatten schon seit Jahren das Konsistorium auf den desolaten Zustand hingewiesen, und die Regierung in Frankfurt wusste auch Bescheid. Nun dann, Stüler, da müssen wir etwas unternehmen…
Friedrich August Stüler (1810 – 1865) war nach dem Tode von Schinkel (1840) und Persius (1845) der bedeutendste Architekt des Königs geworden. Alles, was so an staatlichen Bauaufgaben zu erledigen war, ging über seinen Arbeitstisch, Schlösser und Parkbauten, Villen und Landhäuser, Schulen, Kasernen – und natürlich Kirchen. Da hatte er doch ganz nach dem Geschmack des Königs einen riesigen Kirchenbau für den Tiergarten entworfen. Nun ja, das gab es schon bei dem hochverehrten Schinkel, Entwürfe konnten mehrmals genutzt werden, Sparsamkeit war doch eine der preußischen Tugenden. Also wurde beschlossen, Stülers Entwurf für die Berliner Matthäikirche (heute am Kulturforum am Potsdamer Platz) ein zweites Mal zu verwenden. Weitere Nutzung fanden diese Entwürfe von Stüler im pommerschen Bütow (heute Bytow in Polen) und im neumärkischen Neudamm (heute Debno).

 

 

 

 

Peitzer Stadtwald
Als Friedrich Wilhelm IV. bei seinem
Peitz-Besuch um etwas Wald für die
Stadt gebeten wurde,geruhten
Majestät zu scherzen. Er zeigte
lachend auf eine stattliche Kiefer, die
auf dem Festungsturm wuchs und
meinte, dort wäre er doch, der Peitzer
Stadtwald.

Auf dem Paradeplatz
Lange Zeit konnte man sich nicht über den Bauplatz für das neue Gotteshaus in Peitz einigen. Die alte Kirche stand östlich des Rathauses, sie wurde ja während der Bauzeit weiter benötigt, und nach ihrem Abriss wollte die Stadt an ihrer Stelle einen richtigen Marktplatz herrichten. Deshalb bot der Magistrat den westlich des Rathauses gelegenen Paradeplatz unentgeltlich an. Dafür wiederum wollte sie ohne Kosten die Abbruchmaterialien der alten Kirche zum Neubau des Gymnasiums erlangen. Zäh zogen sich die Verhandlungen hin, endlich konnte am 24. Juni 1854 der Grundstein gelegt werden. Aus den Entwürfen von Friedrich August Stüler hatte der Cottbuser königliche Bauinspektor Fritsche richtige Baupläne gemacht, der Cottbuser königliche Bauinspektor Wintzer übernahm die Bauleitung. Die Hauptarbeiten führten Maurermeister Neumann aus Cottbus und Zimmermeister Hawelka aus Guben aus. Nachträglich musste den sparsamen Preußen noch der Turmbau abgerungen werden, diese Arbeiten gingen an die Peitzer Meister Urban und Salem. Endlich, am 23. Mai 1860,konnte die Weihe durch den Generalsuperintendenten Büchsel vorgenommen werden. Derselbe Büchsel war übrigens 1844 erster Pfarrer der Berliner Matthäikirche.
Friedrich August Stüler nahm Formen romanischer Kirchen aus Oberitalien zum Vorbild, einen Baustil, den der König besonders bevorzugte. Die drei Schiffe der Basilika haben gleich hohe Satteldächer, im Osten wird der Chor durch eine große Mittelapsis und zwei kleine Apsiden geschlossen. Der Backsteinbau wird durch die Verwendung farbiger Ziegel belebt. Der quadratische Westturm trägt eine achteckige Laterne und eine Spitzhaube. Der vergoldete Turmknopf stammt noch heute von der alten Peitzer Kirche von 1618. Bemerkenswert sind auch eine Grabreliefplatte des Festungskommandanten Georg von Karlowitz und das Altarbild, eine alte Kopie des Abendmahls von Leonardo da Vinci.

Die Kemper-Orgel
Nach 1970 wurde die Peitzer Kirche baupolizeiliche gesperrt und man dachte sogar über einen Abriss nach. Doch der wertvolle Zeuge preußischer Baukunst konnte gerettet werden. 1978/79 wurde das Innere stark vereinfacht. In Stahl-Glas-Konstruktion wurden Winterkirche und Gemeinderäume abgeteilt. Ist der nüchterne Kirchenraum auch wenig ansehnlich, so birgt er doch eine Sensation – die Kemper-Orgel.
Als nach der Wende Verbindungen zwischen den Festungsstädten Peitz und Spandau (Berlin) entstanden, kamen auch die Kirchgemeinden in Kontakt. Die Spandauer waren gerade dabei, die fast neue Orgel in ihrer Nikolaikirche durch ein Instrument in historischer Form zu ersetzen. In großzügiger Geste schenkten sie die Orgel, um 1955 von Kemper in Lübeck erbaut, nach Peitz, einzige Bedingung: Die Peitzer mussten Abbau, Transport und Aufbau selbst vornehmen. Dirk Redies, gelernter Orgelbauer, erledigte die Arbeiten mit seinen “Peitzer Orgelfreunden”; 1996 erfolgte die neu Weihe. Die riesige Orgel besteht aus 45 Registern. Aber der besondere Clou: Das Hauptwerk befindet sich wie üblich auf der Westempore, auf der Südempore aber gibt es ein Fernwerk, sodass bei Konzerten sozusagen ein 2-Kanal-Ton entsteht. Besuchen Sie doch auch einmal ein Konzert mit diesem großartigen Instrument.
A. Pommer

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