
Am 1. Oktober 1953 wurde die Handwerkskammer Cottbus gegründet. Dies geschah nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Keine Zeitung berichtete über das Ereignis.
Anlass war die Aufteilung der DDR in Bezirke und die daraus folgende Notwendigkeit regionaler Handwerkskammern. Vor dieser Geburtsstunde trafen sich die Obermeister im Cottbuser Hotel „Zur Sonne“ und einigten sich auf den Präsidenten. Die Wahl fiel auf Glasermeister Kurt Gulben. Die feierliche Zeremonie fand in den Stadtsälen (Stadtpromenade) statt.
Der Sekt war sehr jung, die Korken knallten laut und flogen durch den ganzen Saal. Mit 14 Mitarbeitern begann die Handwerkskammer des Bezirkes Cottbus ihre Arbeit in zwei Räumen an der
Schlosskirche. Offiziell sollte die Hauptaufgabe nun sein, „den Mitgliedern die politische Entwicklung in der Welt und die Zusammenhänge in der Entfaltung der Tätigkeit des Handwerks durch die Bündnispolitik der Parteien der Arbeiterklasse zu erläutern“. Die Kammer aber hatte weitaus Wichtigeres zu tun: So musste die Handwerksrolle geführt, dringend neue Prüfungsausschüsse gebildet und die Aus- und Weiterbildung organisiert werden.
Im Bezirk der Handwerkskammer Cottbus arbeiteten 1953 zirka 30 000 Handwerker. Sie sperrten sich gegen die wachsende Einflussnahme durch den Staat und ließen sich nur schwer bewegen, Produktions-Genossenschaften des Handwerks (PGH) zu gründen. Während die PGH’s staatliche Unterstützung bekamen, wurden private Handwerker gezielt behindert. In einer Rede 1956 wurde Walter Ulbricht deutlich. „Die Störungen, die vom privaten Sektor ausgehen, sollen reduziert werden“. Die Umerziehung der Handwerker war das Ziel.
Viele private Handwerker ließen sich von dem Staatsdruck jedoch kaum beeindrucken. Sie liebten ihre Eigenständigkeit und ihr Eigentum. Rund 6 000 Handwerksmeister blieben bei ihrer Selbstständigkeit und sicherten so das Weiterbestehen der Handwerkskammer. 1957 wurde das Haus des Handwerks im ehemaligen Hotel Ansorge am Altmarkt eröffnet. Die Begeisterung war groß. Für Aufbausonntage, Spenden und Verpflichtungen wurde das gesamte Handwerk mobilisiert. Präsident Kurt Gulben setzte Bleiverglasungen ein, seine Frau putzte im ganzen Haus. Keiner war sich zu fein anzupacken. Ein wahres Schmuckstück entstand.
Das Handwerk durchlebte eine schwierige Zeit. Überall herrschte Materialmangel. Wille und die Fähigkeiten waren da, es fehlte jedoch häufig an einfachen Dingen: Zum Backen brauchte man neben den Zutaten auch die Kohle für den Ofen. Dem Fleischerhandwerk fehlten Därme. Zum Tapezieren wurde auch Kleister benötigt. Aus dem Mangel heraus entstand in der DDR schnell eine Kultur des Improvisierens. Ideenreichtum war gefragt. So wurde eben in Heimarbeit „Mehlkleister“ hergestellt. Offiziell nannte man das „auf innere Reserven zurückgreifen“. Für private Handwerksbetriebe wurde es 1958 richtig kritisch. Unternehmen mit mehr als drei Beschäftigten mussten jetzt die sogenannte „Kapitalistensteuer“ zahlen. Das traf besonders die kleinen Betriebe. Viele entließen ihre Gesellen, die dann in die PGH´s strömten. Die Handwerker verloren den Glauben an die Zukunft. Viele Handwerker gingen in den Westen oder gaben den Betrieb auf, wenn sie im Rentenalter waren. Die Gewerbeabmeldungen stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 100 Prozent. Partei und Regierung hatten den erhofften Erfolg: Von 1958 bis 1960 wurden 196 PGH’s gegründet.
Und nochmals holte der Staat Anfang der 70er-Jahre zu einem Schlag gegen das Handwerk aus. Alle Privaten sollten vollständig kollektiviert werden. Auch für die PGH’s wurde es nun brenzlig. Sie waren nur als Übergangslösung zum Volkseigentum gedacht. 1972 wurde über die Hälfte der PGH’s verstaatlicht, allerdings nur die wirtschaftlich leistungsfähigsten. Das Geld, das dort erwirtschaftet wurde, sollte dem Staat direkt zur Verfügung stehen. Angst und Gerüchte gingen um. Es kam erstmals zu offenen Protesten. Doch es war zu spät. Es blieb den Betroffenen nichts weiter übrig, als in den sauren „VEB-Apfel“ zu beißen und wenigstens Sonderkonditionen auszuhandeln.
Die Handwerkskammer war dem Bezirk unterstellt, durfte nur noch „mitwirken“, nicht einmal die Meisterprüfungen selbst organisieren. Eines der ältesten Rechte wurde ihr genommen. Für das private Handwerk sah es schlecht aus. Neue Maschinen wurden kaum freigegeben. Lehrlinge gingen lieber in die Industrie. Selbst traditionsreiche Handwerkerfamilien rieten ihren Kindern davon ab, den Betrieb weiterzuführen. Bald fehlte es an Bäckern, Schneidern, Schuhmachern. Ganze Gewerke starben aus. Die letzten Betriebe waren überfordert. Der Druck auf die Privaten hatte die wirtschaftliche Krise verschärft. Der Unmut der Bevölkerung über mangelnde Versorgung wurde spürbar.
Ein erzwungenes Einlenken war das „Gesetz zur Förderung des Handwerks“ von 1976. Die Regierung entschied sich für aktive Gewerbepolitik, warb für neue Handwerksbetriebe – allerdings nur dort, wo Versorgungslücken bestanden. In den 80er-Jahren hatte das Handwerk nicht mehr viel auszustehen; es wurde gebraucht.
Die Wende erfüllte vielen Handwerkern den Lebens-traum, denn Angst vor der Arbeit hatte keiner. Es gab jetzt alle Materialien, aber der Beginn blieb steinig. Gewerberäume fehlten, Maschinen waren alt, Eigentumsverhältnisse ungeklärt. Kunden für Töpfer, Schneider oder Sattler blieben aus. Die Industrie als Partner brach weg.
Doch im Jahr 1990 wurden mehr als 2 000 Betriebe in die Handwerksrolle aufgenommen. Bau, Ausbau und Elektro boomten.
Der Kammerbezirk verlor 1990 die drei Kreise Jessen, Weißwasser und Hoyerswerda. Das Haus des Handwerks wurde nach vierjähriger Bauzeit neu eröffnet. Inzwischen hat sich die Kammer zum modernen Dienstleister und qualifizierten Anbieter für Aus- und Weiterbildung entwickelt. 1995 und 1997 eröffneten die beiden Bildungszentren in Gallinchen und Großräschen. Das Kundenzentrum am Altmarkt ist seit zehn Jahren Anlaufstelle für Kunden. An sechs Tagen in der Woche ist hier die Klärung aller Fragen in kürzester Zeit möglich. Die neueste Errungenschaft ist das Handwerkermobil.
Text gekürzt aus der Festrede
60 Jahre Handwerkskammer













