
Vielfältige Erinnerungen an beliebte Tanz-Gaststätte in der Sprucke
Das unscheinbare Haus hat viele Erinnerungen geweckt.
Gerhard Gunia schreibt: „Über 100 Jahre lang war das Tanz- und Gartenlokal mit der Anschrift Mühlenstraße 8 ein geselliges Zentrum unerer Stadt, besonders in den Nachkriegsjahren seit 1945 mit Veranstaltungen aller Art. Hier nur soviel: Um 1900 gab es im Ortsteil Sprucke zwei solcher Lokale, nämlich Hellwigs Garten – geschlossen 1917, Wohngebäude 2012 abgetragen – und die Altsprucke am Schwarzen Fließ bis 1997 unter Werner Altmann.
Ursprünglich Bestandteil der früheren Sprucker Gutsanlage, entstand das Lokal nach 1870 auf dem Grunde des Vorwerk-Schafstalles mit nachfolgendem Saalbau von 1897. Das altertümliche, verwinkelte Gutshaus – Inhaber 1939 war der Hutarbeiter Max Thomas mit Nachfolgern – wurde vor über 20 Jahren abgetragen.
Erinnerungen und Fotos bewahrt heute Brigitte Specht aus der Leonhard-Frank-Straße, Tochter der langjährigen Lokalbesitzerin Else Hanfland. Die Mühlenstraße selbst hat seit der Wende zahlreiche bauliche Veränderungen erfahren, einschließlich der zum Museum umgestalteten Sprucker Wassermühle der Familie Stelter/Klawisch.“
Walter Bräuer erinnert sich: „Das Lokal wurde von Frau Hanfland mit ihrer Tochter geführt. Als 15-Jähriger bin ich hierher eingeladen worden von Ilse Wust-Hefter, sie war Tanzschullehrerin, die mit ihrem Sohn die Jugendlichen zusammenholte. Als junge Bengels bekamen wir ein Mädel zugeordnet. Als ich eine abwertende Bemerkung machte, kam der Spruch von Else Hanfland: ‚Sie fühlen sich wohl zum Feldschlösschen hingezogen?‘ Die Bauarbeiter der Neubauten und des CFG gingen dort gern hin, da ging es so manchmal heiß her. Frau Hanfland hielt wohl nicht so viel vom ‘Feldschlösschen’ in der Kaltenborner Straße. Aber es war eine wirkliche Verlo-ckung für uns Jugendliche.
Der Eingang im älteren Häuschen führte zum Gastraum, über den Flur und Stufen ging es in den Saal. Bis in die 1960er-Jahre fanden hier Tanzveranstaltungen und Betriebsvergnügen statt. Wir hatten von der BGH ‘Otto Thiele’ 1962 das letzte Betriebsvergnügen. Im Sommer wurde auch Gartenlokal bedient, es wurde aber mit der Zeit aufgegeben.
Vis-à-vis hat die Baufirma Korn zwei Wohnhäuser hingesetzt mit großen Wohnungen, die sehr gefragt waren. Das war in den 96er bis 98er-Jahren.“
Auch Klaus Doege erinnert sich an Brigade-Zeiten: „Hier hat unsere Brigade der Feinseidenspinnerei sehr oft Kegelabende, Fasching, Skatabende, Gewerkschaftsberatungen und andere Anlässe verbracht. Auch Ökulei – der Ökonomisch-kultureller Leistungsvergleich – mit den Kollektiven der Spinnerei und auch mit der Patenklasse wurde hier ausgetragen.
Bestimmt waren wir dreimal im Monat anwesend. Deshalb nannten wir das Lokal schon spaßershalber ‘Küche 5’. Im CFG gab es ja nur vier Küchen. Inhaberin war lange Else During. Bis sie dann aus Altersgründen aufgab, dann kam ja auch die Wende, und die Gaststätte ging ein. Ich erinnere mich, dass sie zum Feierabend ihre zwei Dackel raus ließ – da wusste jeder, dass jetzt Ende war. Bauernfrühstück, Frikassee und Schnitzel waren die typischen Essen. Es war eine ganz besondere Atmosphäre. Im Saal links waren oft Kaninchenzüchter-Ausstellungen und Tanzveranstaltungen.“
Rosemarie Zimmermann mailt: „Als Lehrling in der Handschuhfabrik erlebte ich dort 1954 mein erstes Betriebsvergnügen. Später habe ich viele Jahre dort gekegelt, im Winter war die Kegelbahn eiskalt, wir aber haben zitternd unsere Kugeln geschoben. Auch unsere Keglervergnügen waren bei der freundlichen Wirten und sehr guten Köchin wunderbar. Es wurden bei Hanflands viele Tanzabende angeboten, die besonders bei den Spruckern gut ankamen, der Saal war immer voll. Ein Nachmittag mit der ganzen Familie im Biergarten bei einem Bier oder roter Brause vom Fass konnte man mitten in der Natur erleben. Sehr oft gehen wir an dem ehemaliegen Lokal vorbei und denken gerne an die 50er und 60er-Jahre zurück.“
Wolfgang Teske faxt noch: „Else During, verwitwete Hanfland, leitete das gastronomische Objekt seit 1950. Die Kegelbahn wurde nach der Wende an eine Großhandelsgetränke GmbH der 21 Privatgaststätten verpachtet.“
Manfred Bohnsack wohnt direkt gegenüber und erzählt am Telefon: „Herr Patig hat die Gaststätte später als Wohnung ausgebaut und den Tresen stilgerecht erhalten. Früher sind wir dort von der Arbeit vorbeigefahren, und wenn noch Licht brannte, sind wir auf einen Absacker bei Frau During eingekehrt. Es war auch noch nach der Wende eine sehr beliebte Adresse. Der vordere Küchentrakt ist abgerissen, der Saal steht leer und ist entkernt und verfällt.“
Christiane Rösler ergänzt: „Das war mein Tanzlokal. Da waren wir Jugendliche der 50er-Jahre sehr glücklich. Jedes Wochenende spielte die Stammkapelle Vogt. Die hat auch mal verbotene Lieder gespielt wie Rock’n‘Roll und anderes Moderne, was nicht gewünscht war. Der Saal war mit Parkett ausgelegt. Jede Woche stand der Tanz unter einem anderen Thema: ‚Gondelfahrt auf dem Fließ‘, ‚Herz ist Trumpf‘ und anderes. Denke gern daran zurück. An der Seite gab es auch eine Kegelbahn, die als extra Haus angebaut war. Es war ein Gartenlokal mit einem herrlichen Garten. Dort war anfangs auch Tanz. Als Kinder haben wir dort getanzt, hier hat mir meine drei Jahre ältere Schwester das Tanzen beigebracht.“
Auch Wolfgang Donat kennt das Lokal: „Meine Frau schwärmt noch heute von den Tanzstundenbällen der Tanzschule Wust-Hefter im Saal. Mich zog es mehr zur Asphalt-Kegelbahn, die sich rechts neben der Gaststätte befand. Für uns Kegler meines Wissens die einzige derartige Kegelbahn im Guben der 60er-Jahre. Viel Betrieb herrschte bei günstigem Wetter auch im herrlichen Biergarten. Später wurde die Kegelbahn zum Getränkelager und das Lokal ein Wohnhaus. Somit gab es dort auch keine Gubener Plinse mehr.“
Vielen Dank allen Anrufern und Schreibern für die ausführlichen Erinnerungen.
Nachtrag:
Neue Details zur beliebtesten Tanzgaststätte
Zum Rätselbild vom 2. März schreibt Ingrid Giebler.
„In den 50er-Jahren war es das beliebteste Tanzlokal in Guben. Die Kapelle ‘Wenzke’, später ‘Vogt’ waren Stammkapellen. Die Vogt-Musiker waren Studenten und verdienten sich ihr Stipendium. Wir Tanzstundenschüler mussten im Winter einen Kohlebrikett mitbringen, um den Kanonenofen zu füttern. Ein mächtiges Ofenrohr transportierte die Wärme umgehend in den Hof. Das Gebäude vorn war zum Teil Wohnhaus. Bevor man in den Saal gelangte, musste man an einer winzigen Toilette vorbei. Bei Tanz hatte man Mühe, sie zu erreichen. Für Eilige gab’s auf dem Hof ein Plumpsklo. Der kleine Anbau beherbergte die Küche. Bei Tanz war um 22 Uhr Feierabend, wenn die Kapelle ausrief: ‘Jugendliche unter 18 Jahren haben den Saal zu verlassen, da mit des Hauptmanns Wache zu rechnen ist.’ Wenn dann Uniformierte an der Saaltür erschienen, hüpften Wagemutige aus dem Fenster in den Garten, die Kapelle leistete dabei Hilfestellung. Einmal wurden viele Jugendliche aufgegriffen und mit der ‘Grünen Minna’ abtransportiert. Zu den Besitzern zählte in den 30ern Richard Krause. Nach dem Krieg Heinrich Großpietsch, später Gastwirt im ‘Gambrinus’ Kaltenborner Straße. Danach war das Lokal wieder in der Familie Krause, Tochter Else Hanfland wurde Eigentümerin mit Lebensgefährten Herbert ‘Hebbi’ During. In der Zeit wurde auch eine Kegelbahn gebaut. Nachdem Else Hanfland die Gaststätte aufgab, wurde es ruhiger. Einige Zeit bewirtschaftete Werner Altmann noch das Lokal. Junge Leute bauten die Gaststätte als Wohnung um.“











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