
Kindheitserinnerungen einer Sprembergerin
Margrit Muladshikow hat viele Erinnerungen zum Rätselfoto mit dem Standort Karl-Marx-Straße. Sie schreibt: „Es ist morgens um acht vor etwa 100 Jahren auf der Ecke (Karl Marx) Bautzener Straße/Grünstraße. Der Fotograf steht auf der Straße vor der Bäckerei Petrick und lässt uns in die Stimmung eines Morgens zu „Kaisers Zeiten“ eintauchen. Vor Gustav Bergers Zigarrenladen flanieren einige Herren. Vielleicht sind sie auf dem Wege in Groba’s Restaurant zum Frühschoppen. Die Straße ist fast leer von Fahrzeugen. Es gab ja meist nur Pferdefuhrwerke und Leiterwagen. In unserem Eckhaus vorn konnte auch jeder Mieter noch nach 1949 auf dem Hof seinen Leiterwagen in einem zweistöckigen Unterstand einstellen. Frau Urban, die Inhaberin des Milchladens hat sogar jeden Morgen ihre Milch mit diesem Gefährt aus der Molkerei im Wiesenweg geholt. Manche Kunden kauften ihr mit Kannen schon unterwegs ihre Ware ab. Die Milch für das Stadtgebiet wurde von Herrn Künstler in klappernden Kästen mit dem Fuhrwerk ausgefahren. Der Hufschlag der Pferde hallte schon ganz früh auf dem Pflaster. Die Pferde waren am Ende der Grünstraße eingestellt. Auch nachts wurde man manchmal durch das auf- und abschwellende Sirenengeheul der Sirene auf dem Dach des Verwaltungsgebäudes der OHG Lebensmittel aufgeschreckt. Es klang schauerlich. Wir verkrochen uns jedes Mal unter die Bettdecke, da wir dachten, es ist Fliegeralarm. Jeden Mittwoch um 12 Uhr wurde die Sirene getestet.
In der Grünstraße am Hydranten hat die Feuerwehr manchmal ihre Schläuche in hohem Bogen durchgespritzt und in Richtung Waldstraße alles unter Wasser gesetzt. Das laute Pumpen der Motoren und die Fontänen der Schläuche waren für uns Kinder immer ein ganz besonderes Erlebnis. Bei Bäcker Petrick stand meist eine lange Schlange nach Brot an. Es war das beste Brot, das ich jemals gegessen habe. Die Backstube mit ihrem Tor befand sich genau gegenüber von unserer Wohnung. Das war ein unvergesslicher Duft nach Pfannkuchen, Brot und frischen Brötchen. Man konnte auch privat Bleche mit Namensschildern zum Ausbacken bringen. Unsere Mutti hat einige Jahre bei Bäcker Petrick Backwaren verkauft. Bei Frau Gebauer am Ende der Häuserzeile war neben der Haustür ein flacher Auslagekasten angebracht. Dort drin befanden sich Seifenblasenröhrchen, Murmeln, Puppenbettchen und lauter kleine Dinge, die Kinderherzen erfreuen. Verkauft hat sie in einer kleinen Stube im 1. Stock links an einem Tisch. Im Konsum Haushaltswarenladen konnte man wunderschönen Christbaumschmuck kaufen. Vorher war Rosinger drin. Als die ersten Fernseher aufkamen, lief einmal die Sendung ‘Da lacht der Bär’. Da hatte sich auf dem Gehweg eine Menschentraube gebildet, die alle durch die Schaufensterscheibe die Sendung verfolgten.
Bei Kaufmann Kurt Brose konnte man Sauerkraut und saure Gurken aus dem Fass kaufen. Für uns Kinder war es ein Fest, wenn wir aus den Glaskruken Bonbons aussuchen durften. Es gab Maiblätter,
Himbeerbonbons, saure Drops, Seidenkracher und Blumenrollen. Diese wurden mit einer Schaufel in eine spitze Papiertüte gefüllt und abgewogen (Lebensmittelkarten). Auch Gummischlangen und glänzende Zuckerstangen mit bunten Streifen gab es dort sowie Brausepulver. Herr Brose trug stets eine flache Schiebermütze und sein Goldzahn glänzte wenn er lachte.“
Margrit Muladshikow erinnert sich auch an alle Geschäfte an der Bautzener Straße. Vom Standort des Fotografen aus, der vor der Bäckerei Petrick stand, befand sich von links nach oben: Der Kaufmann Brose, dahinter Friseursalon Hähnel, Groba’s Restaurant, Zigarren Gustav Berger, Tischler Jerosch, Bäcker Kossack, Konsum Haushaltwaren (Vorher Elektro Rosinger), Spielzeugstube Frau Gebauer und Fleischer Clarius. Weiter der Straße folgend kam die Eisdiele. Auf der rechten Seite ist die zerstörte Villa, ein Blumenladen, Kanter’s Restaurant und der Altwarenhändler Willinek zu finden. Hinter der Villa in zweiter Reihe befand sich das beschriebenen Verwaltungsgebäude mit der Sirene. Die Einsenderin selbst wohnte vorn nach links abbiegend in der Grünstraße neben dem Kaufmannladen.
Wir danken für die ausführlichen Erinnerungen!
Schreibe einen Kommentar