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„Ole Bienkopp“ kam auf die Bühne

Region | Von | 17. Juni 2016

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Programm zu „Ole Bienkopp“ am Staatstheater Cottbus. Regie: Christoph Schroth, Bühne: Lothar Scharsich, Dramatisierung: Michael Peschke. Ole: Olaf Bäßler-Breite, Neubauer Bullert: Michael Becker…

Michael Becker erinnert sich an den Probenbesuch von Eva Strittmatter:
Der Intendant und Schauspieldirektor Christoph Schroth brachte mit uns Schauspielern am 22. Juni 1996 die Erstaufführung von „Ole Bienkopp“ am Staatstheater Cottbus auf die Bühne. Michael Teschke von der Volksbühne Berlin hatte den Roman dramatisiert, Strittmatters Text zum Theaterstück umgearbeitet. Das war zwei Jahre nach Erwin Strittmatters Tod.
Den Prozess der Bearbeitung bis zur endgültigen Cottbuser Bühnenfassung überwachte Eva Strittmatter. Zu einer der letzten Proben vor der Premiere erschien sie selbst im Theater. Sie sah sich einen Durchlauf des Stückes an und betrat anschließend die Bühne. So begegnete ich zum ersten Mal dieser Poetin, die ich so sehr verehre. Da stand sie in der Bühnendekoration des Stückes ihres Mannes Erwin. Schwerer Körper, leicht nach vorn gebeugt, auf einen Stock gestützt. Ihre Frisur, wie auf allen mir bekannten Fotos von ihr, an ein gerupftes Vogelnest erinnernd. Die Haare machten es den Spängchen oder Klemmen nicht leicht, sie zu halten. Sie gingen eigene Wege und ließen etwas von der schönen, jungen Eva erahnen, die sie einst gewesen war, als außer Erwin und wer weiß, wer noch, und Geschonneck auf sie scharf waren. Ihre große Brille brachte Klarheit in ihr Gesicht, die Augen waren wie unter einem Vergrößerungsglas und bildeten den Fokus dieser Frau. Augen sind Spiegel der Seele, sagt man. Ihre waren traurig – tieftraurig. Eva Strittmatter war erkennbar gezeichnet vom Schicksal jüngster Vergangenheit. Ihre Mutter, Sohn Matthes und Mann Erwin waren in kurzer Folge nacheinander gestorben.
Eva Strittmatter sagte wenige Worte zu uns, die wir ehrfürchtig um sie herum standen. Wir waren noch kostümiert, hatten unsere Perücken auf. Geklebte Nasen und geschminkte Gesichter wirkten in dem Moment etwas lächerlich angesichts dieser starken Persönlichkeit. Ihre Worte sprach sie mit leiser Stimme, so dass sie kaum hörbar waren. Jedenfalls gab sie „grünes Licht“ für unser Vorhaben und bedankte sich für die Gelegenheit, diesen Durchlauf erlebt zu haben. Unter herzlichem Applaus verließ sie die Bühne.
Die Premiere war ein Erfolg. Wir spielten wie die Teufel und verteidigten Erwin Strittmatter auf unsere Art. Ich sehe noch den wunderbaren Oli Bäßler, der mit großer Leichtigkeit und dem ihm eigenen Witz den Ole spielte. Später nannte er seinen ersten Sohn Ole. Da war Wolf-Dieter Lingk als Kreissekretär Wunschgetreu, ein komödiantisches Paradestück. Da war Frieda Simson, die Dorfparteisekretärin. Sigrun Fischer sehe ich noch, wie sie auf den Knien quer über die Bühne kroch, sich mit einem Siebenstriemer geißelnd peitschte, weil sie nicht genügend auf der Parteilinie lag. Da zischte ein Wildentenerpel seiner geliebten Ente quer über die Bühne nach, ein Meisterstück der Technik auf dem Drahtseil. Und da war Kleinbauer Jan Bullert. Den durfte ich in Oberlausitzer Dialekt spielen, das wollte Christoph Schroth so.
Der rote Samtvorhang war geschlossen. Ich saß auf einem weißen  Porzellanklobecken davor ganz dicht am Publikum, die Hosen herunter gelassen. Ich memorierte meine Rede, die ich vor der Parteikonferenz, die 1952 stattfand, halten wollte, deine Brandrede gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft. Bullert war Kleinbauer bis auf die Knochen. Auf einmal wurde die Originalstimme Walter Ulbrichts eingespielt. Er verkündete den Aufbau des Sozialismus und rief zur Kollektivierung der Landwirtschaft auf. Bullert begriff schnell – hier saß er zur falschen Zeit am falschen Ort- zerknüllte den Zettel mit seiner Rede, stopfte ihn sich in den Mund, kaute und schluckte alles herunter. Reispapier der Requisite macht das möglich. Hosen hoch, Klospülung über Lautsprecher, wie die Rede Walter Ulbrichts, Black, Lacher, Applaus. Vorhang öffnet sich wieder und Bullert steht mit hochgezogenen Hosen frisch instruiert in seinem Dorf und ruft den Bauern zu: „Genossen, die Kultur muss breiter venteliert wer´n.“ Das Publikum lachte schallend, die Bauern auf der Bühne guckten sehr finster, wie die bei der „Kuh im Propeller“ von Michail Sowtschenko. Wir hatten also die Kultur so breit venteliert, als wir irgend konnten – zu Ehren von Erwin und Eva Strittmatter, zum Nutzen für viele begeisterte Zuschauer, die das Werk mit viel Applaus feierten, und uns zur Freude.



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