Reisebericht: Jesiden und Molokanen im Kaukasus

Szenenwechsel: Krieg und Krise machen den Deutschen Angst, titeln die Zeitungen und Nachrichtenkanäle. Reisen kann helfen, dem Druck zeitweilig zu entkommen. Zu einigen Orten sind die Wege noch frei. Wir erlebten die Ostertage in Armenien und entdeckten Naturwunder im Kaukasus. (V)

Jerewan hat gerade – ohne Witz – gute Nachrichtenplätze. 50 Staatschefs tagten dort Anfang der Woche zu Fragen der Sicherheit und der Wirtschaft. Kanzler Merz war nicht dabei; es wird wohl noch zu viel russisch gesprochen im urchristlichen Kaukasusland. Uns beeindruckten Klöster und Spielraum für sonst kaum bekannte Minderheiten.

Auf dem Grund des Hochgebirgssees fanden sich 3.600 Jahre alte Wagen.

Von Petra & Jürgen HEINRICH

Regierungsgebäude am Platz der Republik in Jerewan. Am Wochenanfang trafen sich hier Staats- und Regierungschefs aus 50 EU- und weiteren Ländern – ohne den deutschen Merz.
Regierungsgebäude am Platz der Republik in Jerewan. Am Wochenanfang trafen sich hier Staats- und Regierungschefs aus 50 EU- und weiteren Ländern – ohne den deutschen Merz. Fotos: J. Heinrich

Jerewan hat gerade – ohne Witz – gute Nachrichtenplätze. 50 Staatschefs tagten dort Anfang der Woche zu Fragen der Sicherheit und der Wirtschaft. Kanzler Merz war nicht dabei; es wird wohl noch zu viel russisch gesprochen im urchristlichen Kaukasusland. Uns beeindruckten Klöster und Spielraum für sonst kaum bekannte Minderheiten.

Vorm „Moskwa“-Kinotheater steht Charles Aznavour im Applaus vieler Hände. Der Platz ist nach dem Armenier benannt.
Vorm „Moskwa“-Kinotheater steht Charles Aznavour im Applaus vieler Hände. Der Platz ist nach dem Armenier benannt.

Das kleine Land am Kreuzweg zerstrittener Welten ist voller Überraschungen. Im Schatten des biblischen Ararat, der sich wenige Kilometer entfernt von Jerewan hinter hermetisch gesperrten Grenzen in der Türkei erhebt, suchten eben Staatschefs aus ganz Europa und darüber hinaus nach einem Stückchen Frieden. Den ersehnt das etwa Zehn-Millionen-Völkchen Armeniens – nur ein knappes Drittel lebt daheim im Kaukasus-Land – mehr als irgendjemand sonst in der Welt. Nach langen Bergkarabach-Konflikten gibt es seit 2025 ein armenisch-aserbaidschanisches Friedenspapier. Deutsche Reisebüros bieten nach langer Pause bereits wieder Reisen durch beide Länder an. Wie schön!

In den abgelegenen Dörfern unterhalb schneebedeckter Kaukasus-Gipfel herrschen eher schlichte Verhältnisse.     Fotos: J. Heinrich
In den abgelegenen Dörfern unterhalb schneebedeckter Kaukasus-Gipfel herrschen eher schlichte Verhältnisse.

Dass der Franzose Emmanuel Macron als Initiator und Wortführer der gerade getagten EPG (Europäische Politisch Gemeinschaft) gilt, ist kein Zufall. Mehr als 500.000 Armenier leben in französischer Diaspora; ihr prominentester Vertreter war der Sänger, Texter und Komponist Charles Aznavour (1924-2018). Er war Armeniens Botschafter in der Schweiz und ständiger Vertreter Armeniens bei den Vereinten Nationen. Ein Platz mit Denkmal im Herzen Jerewans trägt heute seinen Namen. Oberhalb der berühmten Kaskaden steht sein Wohnhaus, heute Sitz einer Aznavour-Foundation.

Wer durchs malerische Land mit seinen schneebedeckten Gipfeln und die ausgedehnten Weidegründen an steilen Hängen, dazwischen versteckten, wie vergessen wirkenden Dörfern reist, erlebt manche Überraschung. Zum Beispiel oben im Norden das malerische Kloster Hagharzin, das noch über ein großes Refektorium verfügt. Die Anlagen strahlen in hellem Sanstein, weil sie nach Erdbebenschäden erst 2008 bis ‘13 saniert wurden. Das Besondere dabei: die Reparatur dieses Kleinods christlicher Kultur wurde aus muslimischer Kasse finanziert. Scheich Sultan bin Mohammed Al- Quasimi war so begeistert von der Anlage aus dem 10. bis 13. Jahrhundert, dass er alle Kosten über- nahm. Vieles ist möglich in dieser Welt bei hellem Verstand und gutem Willen.

 

Nach Erdbebenschäden aus Mitteln eines kulturhstorisch begeisterten Scheichs 2008 bis ‘13 restauriert: Kloster Hagharzin.
Nach Erdbebenschäden aus Mitteln eines kulturhstorisch begeisterten Scheichs 2008 bis ‘13 restauriert: Kloster Hagharzin.

Zu den kleinen Wundern in dieser Gegend gehören die blitzsauberen Dörfer der Molokanen, eine besondere Gruppe von Ur-Christen-Nachfolgern, die klerikalen Prunk vollkommen ablehnen und in ihren Dörfern nicht mal Kirchen haben. Sie ehren Gott im Geiste und hegen ihr Gemüse, das auf Jerewans Märkten als besondere Delikatesse begehrt ist. Molokaner heißen diese altrussischen Gläubigen, weil sie sich nicht an Fastengebote hielten und in der Zeit des Verzichts Milch (russisch: Moloko) tranken.

Der jesidische Prediger
Der jesidische Prediger.
Der jesidische Prediger lädt uns in seinen Sonnentempel in einem kleinen Ort im armenischen ländlichen Norden ein.
Der jesidische Prediger lädt uns in seinen Sonnentempel in einem kleinen Ort im armenischen ländlichen Norden ein.

Als Viehzüchter leben ebenso abgelegen die armenischen Jesiden. Wir treffen sie nach der Weggabelung von Spitak, jener Stadt, die 1988 weltweit in die Schlagzeilen kam. Ein Erdbeben vernichtete sie fast total, 4.000 Menschen starben. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass kein natürliches Beben, sondern eine unterirdische Explosion Ursache der Katastrophe war. Die Jesiden beteiligen sich nicht an solchen Spekulationen; sie erzeugen ihren würzigen Käse und ziehen mit ihren Herden durch die baumlosen Berge. Ihr Gott hat die Gestalt eines blauen Pfaus. Sie verstehen sich als auserwählt Geborene, missionieren nicht und haben sich erst im 20. Jahrhundert ein Glaubensbuch geschrieben. Gastfreundlich zeigt uns der Prediger seinen kegelförmigen Tempel, einen der kleineren Art hier in Armenien. Schön, dass dieses geprüfte Land Platz für viele Gedanken und Ideen hat. Schluss.

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