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Kommentar: Hals über Kopf

Kommentare | Von | 9. November 2019

Während sich die Fernseh- und Rundfunkprogramme an diesem Sonnabend in Reflexionen des Mauerfalls am 9. Oktober 1989 in jubelnden Tönen übertreffen dürften, fällt die rückblickende Betrachtung dieses Ereignisses in Kreisen vor den Bildschirmen nüchterner aus.
So wie drei Tage vor der nächtlichen Öffnung der ersten Berliner Grenzübergänge niemand den unmittelbar bevorstehenden Fall der Mauer ahnte, so hat ganz sicher drei Tage danach kein Mensch bedacht,  dass sie dreißig Jahre später noch gespenstisch zwischen Ost und West stehen würde. Vermeintliche Herrscher und widerborstige Beherrschte tragen in allen möglichen Arenen verdeckt oder offen ihre Konflikte aus.
So schön und so nötig es war, dass sich den Deutschen in Ost wie West nach krampfartigen Jahrzehnten neue Horizonte auftaten – die historische Stunde kam Hals über Kopf und, nach übereinstimmender Einschätzung ostdeutscher Soziologen, zu früh.
Im Sommer und Herbst 1989 war Wunderbares geschehen: Das kalte Funktionärs-Diktat zersplitterte wie billiges Glas. In einer großen, hitzigen Aussprache, die fast jeden erreichte, wurde über Lebenssinn und Anspruch diskutiert. Im Theater endete keine Aufführung von Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ ohne leidenschaftliche Diskussion. Die Redaktionen wurden mit Leserbriefen überschüttet, die kaum noch ein Blatt vor den Mund nahmen, und in den Kirchen hingen die Menschen zu Tausenden an den Lippen der bürgerbewegten Redner. Der Satz „Wir sind das Volk“ peitschte wie ein Sturm durchs Land und bedeutete: Jetzt packen wir es endlich selbst an, unser Geschick.
Aber daraus wurde nichts. Schabowkis Zettel war kein Zufall. Er war das Schwert, das in die friedliche Revolution schlug. Kohls 100 D-Mark pro Person besorgten den Rest. An dem Scherbenhaufen sortieren wir bis heute verzweifelt.                           J.H.



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