Kloster Neuzelle hier am Oderbruch war ähnlich bewegend, wenn auch auf ganz andere Weise, wie unser Besuch bei den Erben der Zisterzienser im schlesischen Leubus / Lubiaz (Teil 8). Hier am brandenburgischen linken Ufer der Oder haben sich wieder Zisterzienser niedergelassen. Wir fahren durch deren einstige Ländereien.



Fürstenberg kam schon im 14. Jahrhundert in den Besitz des Neuzeller Stifts. Viel später wurde es eine muntere Schifferstadt mit Geschäften und Gasthäusern, um die Schiffer zu versorgen. Die rauen Männer weilten meist tagelang hier, ehe von Schlesien ein antriebslos auf der Oder treibender Steinkohlekahn kam, Zille genannt, den sie per Schleppdampfer übernehmen und nach Berlin bringen konnten. Der Kanal ist schon vor Jahrhunderten geschaufelt worden, für die neuere Zeit aber erst in preußischem Geist 1887 bis 1890 hergerichtet worden. Ein Gedenkstein bezeugt das. Die riesigen Granitblöcke, die im Hafen für die „Welthauptstadt Germania“ lagerten, sind aber nicht mehr da. Aus ihnen wurde das sowjetische Ehrenmal in Berlin aufgerichtet.

Immerhin kam Fürstenberg, das seinen östlichen Ortsteil an Polen verlor, heil durch das Kriegsende. Heute steht der Stadtname auf keiner Landkarte mehr, aber Fürstenberg hat die besterhaltene Altstadt am ganzen westlichen Oderufer. Einen Steinwurf entfernt wuchs aus dem Nichts, teilweise sehr anspruchsvoll gebaut für die Stahlwerker. Als Josef Semjonowitsch in Ungnade gefallen war, taufte man die sozialistische Schöpfung in Eisenhüttenstadt um und schloss das schöne Fürstenberg gleich mit ein. „Hütte“ nennen die Leute ihren Ort und sie fühlen sich wohl hier. Jedenfalls die, die hier blieben, als der Rückbau einsetzte. Wir trafen Heimische sonntags beim Italiener und die fühlten sich sauwohl in Hütte. Sie haben Arbeit, verdienen gut, haben komfortable, preiswerte Wohnungen, fahren im Frühjahr nach Italien und im Sommer an die Ostsee, zum Einkaufen nach Berlin oder Cottbus, tanken in Polen. Was will man mehr?




Auch Frankfurt tankt in Polen und lässt sich dort frisieren. Die einstige Bezirksstadt versucht von der grenzaufhebenden EU zu profitieren, aber recht gelingen will das nicht. Der Weg direkt an die Oder bleibt uns hier durch Bauzäune versperrt und auch die Magistrale Berliner Straße hat den Charme einer schlummernden Baustelle. Erst etwas südlicher, wo aus ihr bei Bäcker Dreißig die Karl-Marx-Straße wird, lebt sie und um die Ecke Richtung Rathaus, genannt Stadtmitte, wird’s am bunten Brunnen richtig lustig. Redo XXL betreibt hier unter großem Zeltdach eine flotte, geradezu weltstädtisch professionelle Gastronomie und lockt viel junges Publikum an. Die Europa-Universität Viadrina und das Kleist-Museum sind ganz in der Nähe, aber die wahre Attraktion dieser Stadt ist das Rathaus. Mit ihm beweisen die Oderstädter, dass sie Humor haben. Unten im Haus krähen die „Oderhähne“, ein weithin bekanntes Kabarett und auf der Rathausspitze schwebt tatsächlich ein vergoldeter Hering an der Angel. Soll heißen: Noch vor der Zeit, als Cottbus mit der Karpfenbörse Fischgeschäfte betrieb, war Frankfurt schon Zentrum des Heringshandels. Wir schauen auf dieses Rathaus in Teil 13.
Nächster Teil: Festung Küstrin
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