Bei Coschen haben wir die Neiße überquert. Etwas nördlich bei Wellmitz/Neißemünde steigt das Gelände kräftig an und bildet bis zum Oder-Spree-Kanal, westwärts bis Beeskow reichend, ein Hügelland, das am Oderrand steil abfällt. Auf dieser Kante erhebt sich Kloster Neuzelle.

Auch Ratzdorf stöhnte über diesen trockenen Sommer. Oder und Neiße führen noch immer wenig Wasser. Doch man kennt es hier auch anders. Der 24. Juli 1997 haftet allen Einwohnern in Erinnerung. Der Oderpegel erklomm höchst bedrohliche 6,88 Meter, also 4,18 Meter über normal. Auf 800 Metern Länge musste ein Notdeich aus Sandsäcken gestapelt werden. Jeder packte mit an. Und das Werk glückte. Es war ein Jahrhundertereignis. Niemand hatte je eine solche Flut gesehen und Ratzdorf, das erhöht liegt, brauchte nie vorher einen Deich. Zwölf Jahre nach der Flut war der heutige Damm, etwas zurückgezogen, auf 600 Metern Länge fertig. Gerade rechtzeitig! Im Jahr darauf, 2010, bestand er die Bewährungsprobe. Wieder stieg der Pegel auf 6,30 Meter, nur einen halben Meter den 1997er Höchststand verfehlend. Der Oder ist nicht mehr zu trauen, sagen die Ratzdorfer.

Aber leider auch den Touristen nicht. Sie kamen nur zum Spektakel. Flott wurden ein Lokal und ein Wohnmobil-Stellplatz gefördert und gebaut, aber beides blieb nicht gefragt. Auch der Zuspruch im schönen „Kajüte“-Haus, das saisonal an Wochenenden öffnet, ließ wohl nach. Aber der romantische Grillplatz direkt am Fluss, zu dem man durch eine Pforte im Schweinezaun gelangt, macht viel Freude.

Die Ratzdorfer leben ihren Tag mit Angeln und Feldarbeit, und wenn Radler von Süden kommen, wollen die meist zum Kloster Neuzelle. Das liegt in der Auenlandschaft wenige Kilometer nördlich, und zwei Kilometer – sehr malerisch – landeinwärts. Alles Land und alle Dörfer hier, auch Fürstenberg (heute zu Eisenhüttenstadt) und die untergegangene Burg Schiedlo östlich vom Fluss, gehörten einst zum klösterlichen Grundbesitz. Logisch, denn Heinrich der Erlauchte (1220 bis 1288) hatte das Kloster nicht allein fürs Beten gegründet, sondern um das nasse Land, in dem nur slawische Zeidler halbnomadisch lebten, wirtschaftlich zu entwickeln.

1281 wurde der Abt des Klosters Zelle beim sächsischen Nossen beauftragt, Zistersiensermönche nach Neuzelle zu schicken. Das waren nicht nur Beter, sondern vortreffliche Landwirte, Gärtner, Baumeister, Kaufleute und Kenner manch anderen Faches, die gut zu tun bekamen.

Die Klostergründung geschah noch nicht am heutigen Platz, und die prächtige Stiftskirche ist erst 1390 geweiht worden. Die vielen erforderlichen Rodungen und Dorfgründungen hatten Vorrang. 1370 erstreckte sich der geistliche Staat mit vielen eigenen Rechten, darunter das „große Fischrecht“ in der Oder, von der Neißemündung bis über Fürstenberg hinaus und westlich hin zum Schwielochsee.
1817 verwandelte Preußens Regierung das Kloster, ohne die Anlagen zu zerstören, in eine nichtreligiöse staatliche Stiftung. Dabei blieb es mit diversen Abwandlungen bis in jüngste Vergangenheit, genau genommen bis in die Gegenwart, denn die Mönche, die im August 2017 hier in vier Mann Stärke einrückten, leben und arbeiten nur zur Miete in der Klosteranlage. Allerdings verstehen sie das klösterliche Ambiente und das Leben des Ortes in Freude und Zuversicht zu erwecken. Neuzelle als Wohnplatz ist geradezu fein geworden, Prozessionen mit lautem Klang machen die neue Botschaft des Menschseins unüberhörbar.

Die zugezogenen Mönche, inzwischen sind es acht und ein paar Kandidaten, kamen, gerufen vom Görlitzer Bischof, aus dem Stift Heiligenkreuz in Österreich. Auch ihr Projekt, wie das der Gründer vor 750 Jahren, reduziert sich nicht aufs Beten. Wer möchte, kann die Männer rodend, baggernd und bauend auf ihrem Vier-Seiten-Bernhardshof im nahen Waldgebiet erleben, wo ein provisorisches Kloster im Bau ist, um der Unruhe im Mietobjekt zu entkommen. Aus der Scheune wird dort eine Kapelle, aus dem alten Schweinestall das Refektorium, also der Speisesaal der Mönche. Längst beschlossen aber ist, dass hier im Brandeburgischen Oderland ein „richtiges“ Kloster entstehen wird: das neue Kloster Maria Friedenshorst. Die mexikanische Architektin Tatiana Bilbao entwickelt gerade die Entwürfe dafür und hat Büros aus Brüssel und Italien hinzugezogen. Wenn alles – vielleicht ein Menschenalter später – fertig ist, wird das Bauernhof-Kloster Besucherstätte.
Nächste Folge: „Hütte“ & Fürstenberg
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