Welch ein Aufbauwerk an der Oder! Des Wunder-Kloster Lubiąż sah uns sprachlos, aber der Krieg hat in jedem Ort Leben und Lebensraum zerstört. Die Wunden schmerzen bis heute.

„Mein Schlesierland am Oderstrand…“ singen Menschen, die diesen Landstrich lieben, in ihren Hymnen seit Jahrhunderten und seit dem letzten Krieg schmerzbeladen. Wir fühlen mit ihnen auf den Wegen am Fluss, durch stille Dörfer in einer Landschaft, die „aus der Zeit gefallen“ scheint, ohne Hast, ohne Eile.
Der Fluss ruht gemächlich in seinen Windungen im „Steinauer Oderdurchbruchstal“, wie die weiten Auen nördlich des größten schlesischen Zisterzienserkloster heißen. Steinau, jetzt Ścinawa, liegt nach etwa 20 Kilometern links am Ufer. Die Zimnica, auf schlesisch „Kalter Bach“ kommt zum Strom. Eine Bockwindmühle (ohne Flügel) erinnert im sonst flachen Land an Müllerfleiß. In einer Flussschleife wird es nass und der Naturschutz hütet Feuchtbiotop, ehe wir nach weiteren 40 Kilometern links am Strom Glogau erreichen.

Schon 1010 ist der Ort als „urbs“ = Stadt erwähnt, hat wohl Mongolen, Schweden und auch Preußen überdauert. Erst dem entfesselten Menschenhass des 20. Jahrhunderts oblag es, die Stadt fast auszuradieren. Sie war 1945 so kaputt, dass sich die wenigen Polen, die hier kaum Bewohnbares fanden, entschlossen, alle Trümmer fortzuräumen. Wo Stadt war, stand noch die Kirchenruine, aber kein Wohnhaus. Nichts. Das blieb so bis in die 80er Jahre.

1967 brachte eine Kupfermine Arbeit und später die Entscheidung zum Neuaufbau der Häuserzeilen auf einstigen Fundamenten. Phoenix sollte aus der Asche erstehen, aber man versäumte, erfahrene Städteplaner einzubeziehen. Alle Nachteile einer engen Altstadt sind neu erschaffen. Es gibt kaum Parkplätze, keine Radwege, keine Barrierefreiheit, kaum Cafés oder Eisdielen, keine Treffpunkte für Menschen. Die Geschäfte gähnen leer. Wir erleben das neue, farbenfrohe Głogów (Glogau) leblos wie einsamste Dörfer am Fluss. Schade.
Ganz hübsch hingegen am hohen Oderufer das Städtchen Bytom Odrzański, das einstige Beuthen am Rande der waldreichen Dalkauer Berge. Dann Neusalz an der Oder / Nowa Sól, Industriestadt mit 36.000 Einwohnern.

Der alte Hafen ruht, aber es gibt ihn und auch, gut erneuert, die eiserne Hubbrücke über den Kanal. Wird die Oder ab hier schiffbar? Wohl nicht in diesem Sommer.

Im großen Bogen folgen wir der Auenlandschaft um Zielona Góra, beobachten bei Radnica die Jungen beim Angeln und erreichen, von der Bergseite kommend, Krosno Odrzanskie. Die Brücke, über die 1944/45 Tausende aus dem Osten in Richtung Niederlausitz flüchteten, gibt es noch. Sie ist kürzlich etwas angehoben worden, damit größere Schiffe passieren können. Aber aktuell bewegt sich nichts auf dem Wasser. Wir bleiben trotzdem zur Nacht.
Nächste Folge: Schlesiens Strom wird Genzfluss
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