Reisebericht: In Tälern und auf hohen Pässen

Szenenwechsel: Die heimatliche Nachrichtenlage hat sich auch über diesen Sommer nicht merklich verbessert. Wer kann, schaut sich um in der Welt nach friedlichen Orten, vielleicht auch in weniger bekannten Ländern. Der Herbst bietet selbst in Europa noch sonnige Tage – ohne EU-Stress. Folgen Sie uns… (II)

Von Petra und Jürgen HEINRICH

Andorra bietet landschaftliche Reize und hohe Lebenskultur.

Reisebericht: Avinguda de Meritxell
Die Avinguda de Meritxell – eine zwei Kilometer lange, pulsierende Geschäftsstraße in Andorra la Vella, Europas höchstgelegener Hauptstadt auf 1.029 Meter.

Das winzige Fürstentum in den hohen Bergen zwischen Spanien und Frankreich überrascht mit mancherlei Superlativen und Besonderheiten. Nur 23 Kilometer neben der höchsten Hauptstadt Europas – Andorra la Vella auf 1.029 Metern – erreichen Touristen und besonders Wintersportler auf 2.408 Metern Europas höchsten ganzjährig befahrbaren Bergpass. Unweit gibt es im Skigebiet von La Rabassa mit 5.300 Metern die weltweit längste Allwetterrodelbahn, erbaut von einer deutschen Firma. Auch bei den Kabinenliften trumpft das gastfreundliche Fürstentum auf. Es gibt sie reichlich und komfortabel; einer davon ist nicht nur Europas längster, sondern auch weltweit der schnellste.

Beliebter Rastplatz für Wohnmobile
Nicht weit von Andorra la Vella: Beliebter Rastplatz für Wohnmobile an Europas höchstgelegener ganzjährig befahrbarer Passstraße in 2.408 Metern Höhe.

Zu den Besonderheiten Andorras gehört seine Staatsform: Das Land fiel bald nach seiner Gründung im 12. Jahrhundert in die Hände zweier Herren, und so ist es (theoretisch) bis heute. „Kurfürsten“ von Andorra sind aktuell der Bischoff von Urgell (in Spanien, grenznahe Kleinstadt östlich von Andorra) und Frankreichs Präsident, also derzeit Macron. Eine Zäsur gab es 1993: Das Land blieb ein (Zwei-)Fürstentum, aber das Volk des nun demokratischen Rechtsstaates gab sich erstmals eine schriftliche Verfassung, nach der zum Beispiel die Todesstrafe abgeschafft und jedes Kind, nicht nur der älteste Sohn, erbberechtigt ist.

ehemalige Bürgerhaus
Das ehemalige Bürgerhaus mit Taubenschlägen im Giebel war bis vor Kurzem Regierungssitz

Völlig neue Perspektiven ergäben sich für Familien wie etwa der des berühmten Reformers Plandolit aus Ordino. Der intellektuelle Baron des 19. Jahrhunderts brach aristokratische Strukturen im Sinne wirtschaftlicher Offenheit auf. Mit seiner bildschönen Frau, die in Barcelona ermordet wurde, hatte er sieben Kinder, mit einer zweiten zehn. Nur ein Sohn, durfte Vaters Erbe antreten, den übrigen blieben kirchlich-klösterliche Karrieren. Das Wohnhaus der Plandolits ist heute mit allem Inventar Museum und erzählt mehr als sonst ein Ort über Andorras Geschichte. Auch darüber, dass einst hier Eisenindustrie bestand und guter Wein an- und ausgebaut wurde. Inzwischen sind alle Rebstöcke gerodet und es wächst Tabak auf den Feldern.

Noblesse der Zeit
Die Andorraner lieben den Spanier Salvador Dali und sein Kunstwerk „Noblesse der Zeit“.

Heilig ist den fürstlichen Katalanen heutzutage vor allem die artenreiche Natur. Auerhähne, Alpenschneehühner, Wildkatzen und Gämsen leben mit wilden Pferden und vielen anderen Spezies in den Bergen. Tauchen Wölfe oder Bären auf, was in den Pyrenäen gelegentlich vorkommt, werden sie bejagt, und auch dem fremden Waschbären gibt man keine Chance, Unheil anzurichten. Auf den Bergwiesen blüht es, sobald der Schneezauber geschmolzen ist, üppig; als Nationalblume wird die Weiße Narzisse geliebt.

Ball Pla
Sie tanzen vom Rathaus „Ball Pla“, eine Art Nationaltanz der Andorraner.
Museum
Areny de Plandolit bewohnte mit seiner Familie das Haus in Ordino, das heute ein Museum ist.

Wenn sie nicht Ski fahren, konzentrieren sich die Touristenströme Andorras vor allem auf die Hauptstadt mit ihren Boulevards. Historie und futuristische Architektur stehen hier dicht beieinander. Man kauft in der Steueroase gut ein, genießt gepflegte Gastronomie und bewundert die Zur-Schau-Stellung nationaler Eigenheiten. Vorm alten Rathaus tanzt ein bronzenes Paar „Ball Pla“, einen Nationaltanz, der in seiner Stimmung an unsere Annemarie-Polka erinnert. Vor dem modernen Rathaus hocken auf unterschiedlich hohen Stelen sehr gleich aussehende Menschenfiguren. Die Repräsentanten ihrer jeweilige Provinz sind je nach ihrer heimatlichen Höhenlage sehr weit oben oder niedriger platziert und richten ihren Blick konsequent nach Hause.

Die enge Heimat – sie bedeutet den Menschen hier in einem ungewöhnlichen und ungewöhnlich schönen Land sehr viel. Genau diese Haltung macht bei allen Mühsalen der Bergwelt ihren Reichtum aus.

Zeugnisse gehobenen Lebensstils
Mehrere 1.400-Liter-Weinfässer im Hauskeller.
Gut sortierte Bibliothek des Hausherrn.

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