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Manuel Soubeyrands Jahr100-Einstand

Senftenberg & Seenland | Von | 1. Oktober 2014

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Gehetzt zappelnder Hitler auf dem Küchentisch – die Welt(Karte) ist ihm gerade entglitten. Eine brilliante Clowneske von Eva Geiler (Gast), leicht desorientiert daneben der Rattenhuber (Friedrich Rößiger) Foto: Steffen Rasche

Der Neue ist angekommen: Heiner Müllers „Germania 3“ mit dem Versuch verständiger Leichtigkeit  
Senftenberg. Es bleibt wohl noch Lausitzer Usus, „Ermutigungen“ oder „Spektakel“ zu veranstalten. Nach Schroth in Cottbus und Latchinian hier in Senftenberg sieht sich der in gleicher Schule gewordene neue Intendant in der Pflicht, Zelte, Gulaschkessel, Bierwagen, Buletten und sogar Austern aufzubieten, um ein Paket packender Inszenierungen spektakulär aufzuhübschen.

Ein kurzes, kriegerisches „Jahrhundert“ will Intendant Manuel Soubeyrand  abhandeln. Sein Anbeginn – 1914 – rundet zur Hundert, sein Ende – 1989 – versilbert sich. Die Toten der Schlachtfelder, sie werden dramatisch beschworen. Aber das Geschehene – es ist nicht nur Geschichte, es ist auch Gegenwart. Zwei Tage vor dieser Premiere bringt „Die Zeit“ Gedanken von Altkanzler Helmut Schmidt: Die Möglichkeit „gegenseitiger Auslöschungsfähigkeit hat die Epoche des Kalten Krieges herbeigeführt. Sie scheint sich im Jahre 2014 fortzusetzen.“ Und: „Weder Obama noch Putin wollen Krieg. Die Europäer wollen erst recht keinen Krieg – wohl aber müssen wir Angst vor dessen wachsender Wahrscheinlichkeit haben … “
Müllers „Germania 3“
Das aberwitzige Jahrhundert  holt Regisseur Soubeyrand in die marode Küche Europa. Da stehen Stalin und deutsche Feldjäger, da hetzt Hitler in irrer Besessenheit über Balkonbrüstung und Möbel, die Luxemburg schwebt entrückt vor tänzelnden Landjägern, Thälmann ist irritiert von Ulbrichts Mauer (das „Mausoleum des deutschen Sozialismus“), auf der das Volk noch tanzt, als schon „Rückgabe vor Entschädigung“ zum Tagesbefehl wird. Die Austausch- und Vermischbarkeit der Ereignisse enthüllt ihren Aberwitz. Von den Nibelungen schwebt der Ungeist zu Hölderlin in den Schützengraben, Kafka, Kleist, Nietzsche und Brecht sind zu Kronzeugen aufgerufen. Gescheiterte Utopien und blutige Diktaturen verköcheln in dieser Küche zu schwer genießbarer dramatischer Grütze. Und das mit einem Übermaß an Witz. Ein Riesenspaß wäre das, wäre es nicht so grässlich real.
Soubeyrand hat sich die Bühne, eine große Irgendwo-Bauernküche mit weitem Balkonfenster, bröckelndem Putz und vielen Zu- und Abgängen, von der Cottbuser Gundula Martin bauen lassen, den riesigen Uniformen- und Tagessachen-Aufwand bewältigte Jenny Schall. Keiner der historischen Figuren wird erkennbar Ungemach zugefügt. Heinz Klevenow gibt den standfesten Hitler-Freund Stalin mit selbstverständlicher Brutalität:  „Ich habe dieses Land mit Blut gedüngt.“ Roland Kurzwegs Thälmann ist eine Schaufensterfigur der Geschichte, eines der Gespenster am mauertoten Mann. Und es krepieren und auferstehen Soldaten, kollabieren ganze Staaten im Spiel eines Ensembles atemberaubend lebendiger, sterbender oder eben toter Darsteller. Hastende, faszinierende Bilder.
Die völlige andere Figur im Gemenge der Verfluchten und Peiniger kraxelt und tänzelt schmierig-schokoladig durch die Küche: Hitler. „Bla-blablö-bla-bla“ oder so ähnlich faselt Eva Geiler (als Gast), die diese Figur an Chaplin anlehnt und sich vollkommen überfordert der Welt-Karte zu bemächtigen sucht. Unwirklich aber nicht lächerlich, komisch aber gar nicht zum Lachen, Tölpelhaft und dabei ohne jeglichen Anspruch auf Mitleid. Ein großartiges Stück Schauspielkunst.

„Germania 3 – Gespenster am toten Mann“ (so der vollständige Titel) ist 1996, fünf Monate nach Heiner Müllers (9.1.1929-30.12.1995) Tod in Bochum uraufgeführt worden. Es wagt sich bis heute kaum ein Regisseur an diese dramatische Herausforderung, die kraftvoll dialektische Bildsprache will. Manuel Soubeyrand kann das. Er wird nicht müde zu versichern, dass er wegen Schiller und Müller („Beide haben nicht nur die letzten vier Buchstaben gemein.“) zum Theater kam. Gut, dass der Weg zur Neuen Bühne führte.
Es gab viel Beifall, der kaum differenziert ausfiel. Eine schöne Ensembleleistung, die sich nicht leicht vergisst.
Drei dazwischen
Ist alles gesagt?  Schon. Aber der Zeitgeist steht auf „Spektakel“. So folgt eine dreiviertel Stunde bei Bier oder Weinchen, Bratwurst oder Auster, eventuell auch Tango-Kurs. Das war tänzerischer Ausdruck der „goldenen Zeit“ dazwischen.
Zur Auswahl (gleich eingangs zu buchen) stehen „Wunschkonzert“, ein schweigendes Stück von Franz Xaver Kroetz, das Terroristen-Stück „Fundament“ von Jan Neumann oder auch das Oderwasserspiel „Vineta“ von Fritz Kater, das in Frankfurt/Oder spielt, aber für Manuel Soubeyrand „ein Senftenberger Stück“ ist.

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Viel Biss, viel Blut. „Rotkäppchen und der Wolf“ ist kein Kinderspiel mehr, wenn Tom Bartels (Götz), Marlene Hoffmann (Hilde), Franz Sodann (Vater) und Friedrich Rößiger (Hasso) ihre Imponier- und Hasswelt durch ein liebes Wesen bedroht sehen. Schwer begreiflich, wie gewöhnlicher Alltag Foto: J. Hnr.

Die Uraufführung aber heißt
WolfsWelt
Untertitel „Die Stunde der Kammerjäger“. Geschrieben hat diese krasse Märchen-Adaption Werner Buhss, ein Autor mit DDR-typischer Biografie. 1949 geboren, Abi, Beruf, Stahlbauschlosser, Regisseur, mal frei, mal im Engagement. Es gibt viele Hörfunkproduktionen von ihm, auch einige Theaterstücke, sogar noch mehrere frei zur Uraufführung. Leicht haben’s die Zuschauer mit ihm nicht. Auch nicht die in Senftenberg.
Eine Wolfsfamilie, Vater und zwei Söhne, setzt auf Kampf. Ihr Nachkriegs-“Wald“ ist eine marode Fabrik (Bühnenbild: Saskia Wunsch). Hier wird Mensur gefochten, mit „Schmissen“ die Blutangst überwunden. Die Münchener Regisseurin Samia Chancrin schickt die Brüder Götz und Hasso (Tom Bartels, Friedrich Rößiger), angetrieben vom alten Geist des Vaters (Franz Sodann) in ein Kampf-Dasein. Sie fetzen sich wölfisch (Kostüme Jenny Schall). Das Bildungsziel heißt: Aggression auf Knopfdruck. Sondereinsatzkommandos brauchen so etwas. Den zivilisatorisch unentbehrlichen Biss.
Eingeschachtelt in die Handlung kommt es zu Treppenshow mit Rotkäppchen. Scheinbar ganz fröhlich, aber selbst in starker Rhythmik mit verhaltener Aggressivität. Großmutters großes Maul ist das, was diesen aussichtslosen Wölfen die meiste Freude macht. Die selbstbewusste Frau (Marlene Hoffmann) kann Götz, den jungen Wolf, für sich gewinnen. Fast wenigstens. Sie müsste selbst Wölfin werden. Es wird, so der Verlauf, immer blutig bleiben in diesem Verschlag der gestörten sozialen Verhältnisse. Hoffnung? Kaum.
Die Wölfe leben isoliert, schlau, zäh, auf ihre Weise geerdet.
Ein schwieriges Stück, eingehüllt in Andeutungen. Es wird leidenschaftlich gespielt. Dafür gibt es reichlich Beifall auf der Probebühne.
Lieder (fast) zuletzt
Auch das ist nicht neu: Lieder am Schluss. Die Idee: Das Radio begleitete durch die längste Zeit des Jahrhunderts, sogar direkt bis in die Schützengräben. Eine fiktive Live-Radio-Show bringt Songs, die Fragen stellen oder – häufiger – Zustände beschreiben. Das reicht von Revolution bis Liebe. Sie war und ist immer da – die Liebe. Autor Heiner Kondschak, ein Alles-Mögliche-Macher, hat versucht, einige Jahrhundert-Akzente zu setzen und sich dabei stark ins Amerikanische begeben. In anglikanische, aber auch ins lateinamerikanische Amerika. Die Schauspieler folgen ihm mit Respekt und schöner Musikalität. Bravo dafür.
Ganz am Schluss noch zwei Reden: zur nächtlichen Übergabe des Schulhofes. Auf dem darf nun in einem Kugelzelt gefeiert werden. Bis in einen neuen Jahr100SpektakelTag.      J.H.



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