Reisebericht: Schlesiens Strom wird Grenzfluss

Rund 500 Kilometer entfernt von den böhmischen Oderbergen haben wir im Lebuser Land die polnisch-deutsche Grenze vor uns. Seit dem Flusskilometer 51,2 begleitet uns der Blick der polnischen Mutter aus Bronze (r.).

Schlesiens Strom wird Grenzfluss. Die kleinen Dörfer im mittleren Odertal überraschen mit erstaunlich großen Kirchen, wie hier die in Neuendorf/Czarnowo
Die kleinen Dörfer im mittleren Odertal überraschen mit erstaunlich großen Kirchen, wie hier die in Neuendorf/Czarnowo.

Nach Ober- und Niederschlesien haben wie seit Nowy Sol (Neusalz) die Woiwodschaft Lebus, historisch das Land Lebus beiderseits der Oder in Brandenburgs Neumark, erreicht. Crossen ist eine der kleineren Städte dieses Bezirks, der sich von Zagan im Süden bis über Landsberg hinaus nach Woldenberg (Dobriegniew) im Norden erstreckt. Die Oder hat sich seit Tschicherzig / Cigacice (1937-1945 Oder-eck, ein Weinbau- und Luftkurort) rechtwinklig schwenkend mit mancherlei Schlingen westwärts entschieden. Etwa auf der Mitte dieses Weges zwischen Odereck und dem Winkel nach Nord bei Ratzdorf liegt Crossen.

Der Sandweg am wasserarmen Fluss bei Ratzdorf erinnert am Blechens kleines Ölbild „Märkischer Sandweg“. Drüben lag bis 1908 Schiedlo, der einzige Niederlausitzer Ort östlich der Oder.
Der Sandweg am wasserarmen Fluss bei Ratzdorf erinnert am Blechens kleines Ölbild „Märkischer Sandweg“. Drüben lag bis 1908 Schiedlo, der einzige Niederlausitzer Ort östlich der Oder.

„Es war eine wunderschöne Stadt“, erinnert sich eine Leserin, die dort aufwuchs und wie einige andere ihre neue Heimat in Cottbus fand. Das Bild der engen Gassen um den großen Markt behielt sie immer im Herzen. „Am 9. Februar 1945 mussten wir Abschied nehmen von unserer geliebten Heimat.“ Aus dem Osten vertriebene Polen wurden hier angesiedelt. „Man kann diesen Menschen den furchtbaren Hass gegen uns nicht verdenken, wenn man heute weiß, was Deutschland ihnen alles angetan hat“, notiert die Frau aus heutiger Sicht. Besonders nach 2000 habe sich viel zum Guten geändert. Der kleine Hafen liegt friedlich da, oben auf der Bergseite wird gefeiert. Wir sehen die Lichter und hören Musik. Sonst liegt Ruhe überm Fluss an diesem schönen Sommerabend.

Die Ratzdorfer traditionsreiche Gast- und Tanzwirtschaft „Kajüte“ direkt hinterm Oderdamm wird nur noch sporadisch betrieben, meist von pfiffigen Berliner Studenten an Saisonwochenenden.
Die Ratzdorfer traditionsreiche Gast- und Tanzwirtschaft „Kajüte“ direkt hinterm Oderdamm wird nur noch sporadisch betrieben, meist von pfiffigen Berliner Studenten an Saisonwochenenden.

Krossno hat ein sehr altes Schloss, dessen Torhaus schön renoviert wurde und ein Museum beherbergt. Die Ausstellung zeigt viel über die hochadligen Witwensitze, aber auch über deutsches Handwerk, den Handel, und die Fischer am Fluss. Ganz früher war dieses Lebuser Land polnischer Fürstensitz, die Oder prägte das Leben hier in Krossno und in den Dörfern, durch die wir nun im mittleren Odertal fahren: Alt Rehfeld (Stary Raduszec), wo der Bober die Oder erreicht, Pfeifferhahn (Strumienno), das zunächst nur rechtsseitig bebaute Münchsdorf (Sarbia) und schließlich Neuendorf (Czarnowo) mit riesiger Kirche. Auch Merzwiese (Wezyska), südlich gelegen, grüßt uns mit stattlicher Kirche. In den kleinen Dörfern im fruchtbaren Land wird früher Wohlstand und tiefer Glaube geherrscht haben, so dass diese prächtigen Gotteshäuser entstanden.

Fliegeraufnahme von Crossen vor ‘45. Außer der schönen Kirche und ganz rechts davor dem Postgebäude ist diesseits der Oder nichts erhalten.
Fliegeraufnahme von Crossen vor ‘45. Außer der schönen Kirche und ganz rechts davor dem Postgebäude ist diesseits der Oder nichts erhalten.

Heute machen Umweltidealisten den Landwirten auf odernahen polnischen Fluren das Leben schwer. Sie verbieten, im Juni und Juli die Wiesen zu mähen, weil sich der Wiesenkopf-Ameisenbläuling, ein unscheinbarer Falter, im hohen Gras paart und vermehrt. Immerhin hat die Art den Wohlstand der Jahrhunderte überlebt, in denen hier Wiesen und Felder klug genutzt und große Kirchen gebaut wurden. Schwer hatte es damals nur ein Dorf, dessen Gemarkung wir ganz nahe sind: Schiedlo. Es lag mit einer Burg (ab1200) als einziger Ort der Meißener Wettiner und damit der Niederlausitz östlich der Oder. Mit Guben, Fürstenberg und dem Stift Neuzelle bildete es eine wichtige Stellung gegenüber Preußen. Der Grenzstreit „um den Schiedloer Busch“ lief zäh im 18. Jahrhundert „Schlittau (Schiedlo) ist eine starke sächsische Festung“ hieß es noch 1775, und Bemühungen, die Oder durch Gebietstausche zur klaren Grenze zwischen Preußen/Brandenburg und der polnisch-sächsischen Union zu machen, scheiterten.

Dokumente aus deutschem Alltag im Krossener Museum
Dokumente aus deutschem Alltag im Krossener Museum.

Erst nach 1945 wurde der schlesische Strom friedlicher Grenzfluss. Da aber existierte das einst strategisch bedeutsame Dorf schon nicht mehr. Es war, wie eine nach Westen ragende Halbinsel von drei Seiten von der Oder umströmt und immer wieder überflutet. Nur die höhergelegene Fachwerkkirche mit ihrem schiefergedeckten Spitzturm überragte die Flut nach einem Deichbruch 1907. Schon 1905 hatte ein preußisches Odergesetz gefordert, das Dorf aufzukaufen und in Wiesen, Weiden- und Eichenkulturen zu verwandeln.

Unscheinbarer Wiesentod: der Wiesenkopf-Ameisenbläuling
Unscheinbarer Wiesentod: der Wiesenkopf-Ameisenbläuling.

Die letzten Bewohner gaben nach dem Deichbruch auf und ließen sich auszahlen. 1909 gab es nur noch den Gasthof und die Försterei. Heute ist vom gegenüberliegenden Ratzdorf nichts mehr von Schwesterdorf zu ahnen. Wir haben den Fluss bei Zytowan und auf deutscher Seite Coschen gequert und waren schnell in Ratzdorf, wo der Bauer sein im Juni geschnittenes Gras als verstaubtes Heu von der Oderaue einsammelt. „Elend trocken jetzt“, sagt er, kennt aber den Platz auch als viel zu nass…

Nächste Folge: Zum Stift Neuzelle

 

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