Stettin, durch das die letzte Folge führte, liegt am Haff. Für Fahrensleute endet dort die Oder. Die Wahrheit ist: Drei Strömlein schaffen es noch zum Meer – die Dziwna zwischen der Insel Wolin und Polens Festland, die Swine als Hauptsrom zwischen Wolin und Usedom und der Peenestrom am Nordende von Usedom. Offiziell gelten die drei als „Meeresarme“, weil sie bei Nordwind mehr Meer – als Oderwasser enthalten. Heißt es. Wir folgen ihnen bis zur Hohen See.
Versprochen ist versprochen.


Mit unserem Eindruck von der Großbaustelle an der Dwina, durch die sich zwölf Prozent des Oderwassers meerwärts zwängen, hatten wir die vorige Folge dieser Flussreise beschlossen. Jetzt grüßt uns Świnoujście, das wundervolle Swinemünde, einst drittgrößtes deutsches Seebad. Hier, genau hier beginnt die längste Strandpromenade Europas. Sie reicht, meist 40 Meter breit, 42 Kilometer weit über Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin bis nach Peenemünde. Swinemünde steht gerade im Begriff, die etwas ermüdeten deutschen Seebäder an feinem, touristischen Anspruch auszustechen. Gastronomisch ist das längst passiert und wer sich die Promenadenwege anschaut, mag an deutsches Gestolper nicht mehr denken. Feine Fuß-, Rad- und Skaterwege verlaufen parallel, getrennt durch höchst professionell bepflanzte Staudenbeete, unterbrochen von Ruhe-, Fitness- oder Kinderspielplätzen.


Auf der Swine, die dreiviertel des Oderwassers führt, pendeln Fähren von Usedom zur Insel Wolin. Die wachsende Stadt breitet sich über drei Inseln aus und hat über die Jahre einen Hafen auch für größere Schiffe entwickelt. Das ging einher mit dem stetigen Wachsen der Mole im 19. Jahrhundert und später. An ihrer Spitze steht jetzt das Wahrzeichen des Ortes, die geflügelte Mühlbake, einem von zwei Leuchttürmen zur Hafeneinfahrt. Bis an den steinernen Wall reicht der breite Sandstrand und Urlauber lassen es sich zwischen Sandspielen und Wellengängen nicht nehmen, zum Turm zu pilgern für ein Erinnerungsfoto. Auch wir lassen uns hier von geselligen Urlaubern ablichten. Geschafft! Dies war unsere Zielmarke nach 900 Oder-Kilometern. Wir bestaunen noch das Camping- und Boots-Liegeleben entlang der Mole, bewundern die museal gut hergerichteten preußischen Festungsanlagen und nehmen uns dann noch den Weg quer über die Insel Usedom vor.


Genau am anderen Ende trennt der Peenestrom die Insel vom Festland. Früher, im III. Reich, aber auch danach war hier kein Durchkommen für Touristen – militärische Sperrzone. Auch heute ist der Ort weit entfernt vom üblichen Branchen-Level. Die Besucher interessieren sich hier vorzugsweise für die museal aufbereitete Heeresversuchsanstalt, in der unter technischer Leitung von Wernher von Braun, Hitlers „Vergeltungswaffe“ V2 Einsatzreife erlangte. 3.200 Stück wurden im Harz unter Tage in Serie gefertigt und auf Fernziele gefeuert, vor allem in England. Sie bewirkten große Zerstörung bei wenig militärischer Wirkung, wie wir heute wissen.

Klar wird hier auch, dass es dem Stab der Wissenschaftler von Peenemünde eigentlich darum ging, mit Flüssigraketen den Weltraum für friedliche Forschung zu erreichen. Aber Peenemündes Thema blieb der Krieg und so ließ das touristische Management nun ein russisches U-Boot-Monster zum Strandwasser schleppen. Kriegsgerät, woher es auch kommen mag, verkauft sich immer gut und sei es zum Urlaubsvergnügen. Den Touris in den Liegestühlen am Peenestrom gefällt’s. Der Fluss zu ihren Füßen bewegt sich still dem Meere zu. Früher war er das Einfallstor der auch nicht friedlichen schwedischen Flotten ins Europainnere. Heute gelangen Schiffe zum Wolgaster Hafen, und Segler freuen sich über ein sehr schönes, wenn auch anspruchsvolles Revier hier im Oderfluss von Usedom.
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