In den Oderbergen unweit von Olmütz entspringt der Strom und verschwindet sofort aus der zivilen Welt. Wir fanden ihn 22 Kilometer nordöstlich talwärts.


Anglerlatein, wird der Mann hinterm Damm gedacht haben, als wir ihm von den Forellen im jungen Fluss erzählten. Wels, Flussbarsch, Hecht, Zander, Blei, Döbel und zehn oder mehr andere Fischarten könne man hier rausziehen – aber Forelle?! Auf keinen Fall! Er hat ja Recht. Weder in Polen noch in Deutschland beißen Forellen auf Spinner, die künstlichen oder Teigköder an der aktiven Schnur. Schuberts Lied von der „launigen Forelle… in einem Bächlein helle…“ kam uns in Mähren in den Sinn, dort, wo die junge Oder als silberheller Gebirgsfluss sprudelnd zu Tal stürzt. Bis Odry (Odrau), der ersten Stadt, die sie erreicht, hat die Oder auf etwa 80 Kilometern schon fast dreimal so viel Höhenmeter durchflossen, wie auf dem Rest ihres trägen Weges zum Baltikum. Bei Vater und Sohn, die hier am Morgen aktiv waren, „zuckte die Rute“, wie’s im Lied vom erfolgreichen Fang heißt, schon ganz schön heftig.


Odry ist ein Städtchen mit kaum 5.000 Einwohnern, aber langer Geschichte. Weil das Odertal immer überschwemmt war, gründeten sich hier kaum Orte, ab 1253 entstand aber an der Oder eine Burg gegen die Mongolen. 1730 war längst ein Städtchen gewachsen und aus der Burg wurde das Schloss, ab 1833 mit Schlosspark. Die Leute erinnern sich noch an Stalin und Gottwald, die dort standen und zum Markt hin blickten, während hinter ihnen das Schloss niederbrannte. Es wurde 1966 feierlich gesprengt und ein Kaufhaus aus Beton – nicht schön aber nützlich – steht da nun mit dem Rücken zum Fluss. Sonnabends schließen um 11 Uhr alle Geschäfte in Odry, auch der Bäcker, aus dessen Laden es noch gut duftet. Das triste coop-Kaufhaus hat offen – immerhin. Erstaunlich lebhaft geht es zu dieser Stunde in der schönen barocken Bartholomäus-Kirche zu, wo sich junge Leute zu Andacht und Gespräch versammelt haben. Bis 1945 waren etwa 80 Prozent der Einwohner des Ortes deutsch, aber wie überall in den verlorenen Gebieten wurden de Deutschen unsanft vertrieben.

Seit 2016 gibt es im Ort ein Museum deutsch-tschechischer Verständigung. Das staatliche Fernsehen in Tschechien thematisiert solche Aktivitäten, und besonders im ländlichen Raum haben sich die kuhländischen Traditionen erhalten oder beleben sich neu. Das Kuhländchen ist eine Region im Odertal und der Märischen Pforte zwischen Beskiden und eben dem österreichischen Schlesien. Früher war das eine Gegend, die mit ihren leistungsstarken Rindern auf Weltausstellungen Preise einheimste. Heute wird Forst- und ertragreiche Landwirtschaft betrieben, und dort, wo sich in den Oderschleifen Teichgebiete ergeben, floriert auch die Fischwirtschaft. Touristisch geht es eher ruhig zu, aber die sanfte Mittelgebirgslandschaft bietet Wanderern gut gekennzeichnete Wege und interessante Ziele. Im Wohnmobil findet sich an vielen Stellen ein Plätzchen zur Nacht, aber es lassen sich auch offizielle Stell- und Campingplätze ausmachen.

Die Oder nimmt ihren weiteren Weg in großem Bogen nach Ostrava, um dann der Grenze ins Polnische / Preußisch-Schlesische zuzustreben. Mit der Olsa bekommt unser Fluss nennenswerten Zustrom aus der Steinkohlegegend. Wir sind noch in Tschechien und die Oder hat nach 131 Kilometern auf einer Höhe von nun 195 Metern über NN ein ansehnliches Flussformat erreicht – so etwa wie bei gutem Wasserstand die Spree in Cottbus. Wir bereiten uns auf Entdeckungen am polnischen Oderlauf vor. Nächste Folge: Mutter Oder in Ratibor
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