Szenenwechsel: Krieg und Krise machen den Deutschen Angst, titeln die Zeitungen und Nachrichtenkanäle. Reisen kann helfen, dem Druck zeitweilig zu entkommen. Zu einigen Orten sind die Wege noch frei. Wir erlebten die Ostertage im urchristlichen Land ARMENIEN – freudig und bedrückend. (III)
Also doch Sender Jerewan! Wo sitzt eigentlich derjenige, der all die Sowjetwitze mit dem Sender erfand? Die Antwort: Wo, wissen wir nicht. Aber ziemlich sicher ist, DASS er sitzt…
Die Hauptstadt Armeniens durchziehen belebte Parks und Prachtstaßen
Von Petra & Jürgen HEINRICH

Es gibt ihn nicht wirklich, diesen Sender, der die „Hörer“ im Ostblock erheiterte. Aber natürlich existiert Radio Eriwan. Der Sender heißt Ar Radio Intercontinental und arbeitet im hellen Tuffstein-Gebäude an der Ecke Manoogian-Straße / Sayat Nova Avenue. Ein Reiterdenkmal für den Feldherrn, der Armenien im 5. Jahrhunderte die Religionsfreiheit erfocht, und das Denkmal des Komponisten Armen Tigranjan (1879-1950) stehen gegenüber. Sender gibt es nur diesen, aber Denkmale für Musiker, Dichter und Volkshelden wohl hunderte in der großen Stadt. Und die Leute wissen mit jeder der Figuren etwas anzufangen. Falls nicht, räumen sie das Denkmal weg, so wie den riesigen Lenin 1991 am Platz der Republik. Nach dem Revolutionsführer war eine der Hauptsraßen benannt; der Lenin-Prospekt gehört nun Mesrop Maschtoz – die Maschtoz-Avenue.

Die Millionenstadt Jerewan liegt in den Ausläufern der Kaukasus-Berge in einer Hochebene auf etwa 1.000 Metern über NN. 2.800 Jahre ist sie alt, aber Spuren einstigen orientalischen Flairs fehlen völlig; die Stadt erfindet sich unentwegt neu, und was sich uns heute darbietet, prägte der geniale neoklassizistische Architekt Alexander Tamanjan (1878-1936). Er entwarf eine ganze Stadt mit zentralem Platz, durchzogen von prächtigen Boulevards und auch die wichtigsten Einzelgebäude. Jerewan wurde so zur schönsten „russischen“ Stadt der Sowjetzeit, und DDR-Studenten, die in Leningrad studierten und das Riesenland ganz gut kannten, tuschelten: „In Armenien leben die reichsten Russen“. Das war kein Witz und stimmte auch nur zur Hälfte, denn reich waren sie, aber eben keine Russen, sondern stolze Aremnier. Das ganzte Land hat nur knapp drei Millionen Einwohner, aber etwa sieben Millionen Armenier leben in anderen Ländern der Welt, viele davon in so gutem Wohlstand, dass sie viel davon abgeben an ihre Heimat. Not, wie etwa der Genozid 1915, als Jungtürken 1,5 Millionen Armenier in den Tod schickten, oder eben Gorbatschows skandalöse Politik, die Armenier jahrelang hungern und frieren ließ, haben die Nation fest zusammen geschmiedet. Damals, nach 1991 und schon beim Erdbeben 1988, haben ihnen zuerst die Iraner geholfen, die Muslime den Christen. Das geht doch!

Tamanjans Jerewan ist heute eine junge und bunte Stadt, die morgens spät erwacht, aber abends ewig putzmunter bleibt. Das liegt am Klima. Im Sommer wird es im Talkessel 40 Grad und wärmer; ab 19 Uhr kommt frischer Abendwind auf, und das Leben beginnt in Parks, auf Boulevards, in den vielen Straßencafés und auf schönen Spielplätzen.

Beliebtester Ort sind die Kaskaden, ein Kleinod aus Beton, Blumen, Wasserfontänen und gutem Geschmack. Hunderte Stufen führen beiderseits zu den Plateaus, aber wer will, nimmt die Rolltreppen und genießt aufwärts moderne Kunst – Plastik und kühnes Möbeldesign Stufe für Stufe. Auch den breiten Boulevard unterhalb schmückt moderne Kunst, gestiftet von einem reichen armenischen Sammler.

Die eigentliche Wohnstadt erstreckt sich heute oberhalb der Kaskaden-Kante, wo auch das Matanadaran steht, das Zentralarchiv mit 13.000 kostbaren Handschriften. Davor wacht in Großplastik jener Maschtoz, der Lenin die Show stahl. Er erfand vor 1.600 Jahren die armenische Schrift mit 36, heute 39 Buchstaben – den jetzt kostbarsten Schatz armenischer Identität.
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