Reisebericht: Das heilige Wunder

Nördlich von Breslau liegen nur kleine Orte am Fluss. Manchmal bringt ein schnelles Boot das Schilf ins Wanken, vereinzelte Radler beleben den Damm. Dann stoßen wir auf ein heiliges Wunder von europäischem Format… 
In weiten Bögen bewegt sich die Oder nördlich von Breslau behäbig durchs Land. Bei Auras (früher Stadt, jetzt ein Dorf) treffen wir auf Angler und vereinzelte Radtouristen auf dem Sandweg.
In weiten Bögen bewegt sich die Oder nördlich von Breslau behäbig durchs Land. Bei Auras (früher Stadt, jetzt ein Dorf) treffen wir auf Angler und vereinzelte Radtouristen auf dem Sandweg.

Wir hatten bei Eichendorff gelesen, dass er vom Fluss einen riesigen Palast sah, konnten es, selbst als wir auf der Straße schon das alte Leubas, jetzt Lubiaz, erreicht hatten, nicht recht glauben. Kein Hinweisschild, ein Mann, der auf einer Bank frühstückte, zuckte die Schultern. Er war offenbar Patient der hiesigen Heilanstalt, und wir waren im Dorf in die verkehrte Richtung abgebogen. Dann hinter einer Wegbiegung dieser Anblick! Ein prunkvolles Schloss, das sich als ältestes Zisterzienserkloster Schlesiens entpuppte.

Schon 1163 kamen Mönche aus dem Naumburgischen Schulpforta und rodeten am rechten Oderufer den Wald. Der Herrscher war, wie auch seine Nachfolger, schlau und ließ durch die Gottesdiener das Land entwickeln. Sie gründeten Dörfer, legten Weinberge an und trockneten die Sümpfe. Bald waren von Leubas aus sieben weitere Klöster in heute polnischem Gebiet entstanden, Siedler strömten ein. Bis Mitte des 14. Jahrhunderts hatten die Mönche 70 Dörfer geründet, sie fanden eine Goldmine und besaßen selbst 65 Dörfer. Es gab Rückschläge, aber auch immer wieder goldene Zeiten. Im 17. Jahrhundert erreichte die barocke Pracht ihre heute wieder erahnbare habsburgische Fülle.
Doch die brach mit Preußens Einfall 1742 ab. Aus dem säkularisierten Kloster wurde ein von bürgerlichen Pächtern betriebenes Gestüt, in der Nazizeit eine Waffenschmiede und nach 1945 ein Quartier der Rotarmisten.
Trotz all dieser Schmach blieb der Ort ein heiliges Wunder. 1989 gründete sich eine Stiftung, die viel Geld auftrieb und nicht nur mehrere Hektar Dachfläche erneuerte, sondern auch die Statik der Gebäude sicherte und restauratorisch Großartiges schaffte. Der Fürstensaal, das Refektorium oder auch die noch am Anfang der Sanierung stehende Bibliothek sind atemberaubend schön.
Aber um das ganze Objekt wieder zu beleben, sind mehrere hundert Millionen Euro nötig. Sie wären, glauben Experten, wegen des Kunstwertes gut angelegt. Auf der Suche nach Investoren gab es auch schon Gespräche mit US-King of Pop Michael Jackson, der ein Schloss in Europa suchte. Leider sagte sein Management dann ab. Aber das Architekturbüro PENTAGRAM glaubt an ein Schulungs- und Kongresszentrum mit Luxushotel, Sportarenen, Freilichttheater und mehr. Der polnische Staat hat dafür erhebliche Mittel bewilligt.
Deckengemälde im Abtspeisesaal, 1660 von Michael Leopold Willmann, dem „schlesischen Rembrandt“, geschaffen
Führung am Fronleichnams-Festtag im Fürstensaal der Zisterzienserabtei Lubias/Leubus. Der prächtige Saal mit lebensgroßen Fürstenfiguren wurde in den Jahren 1993 bis ‘96 restauriert.

Führung am Fronleichnams-Festtag im Fürstensaal der Zisterzienserabtei Lubias/Leubus. Der prächtige Saal mit lebensgroßen Fürstenfiguren wurde in den Jahren 1993 bis ‘96 restauriert.

Wächter im Treppenfenster der einst ruhmreichen Bibliothek.
Wächter im Treppenfenster der einst ruhmreichen Bibliothek.
Das Refektorium - Speisesaal für die Mönche
Das Refektorium – Speisesaal für die Mönche.
Die Doppeltürme der Klosterkirche inmitten der 223 Meter breiten Hauptfassade des Klosters zur Oder zu
Die Doppeltürme der Klosterkirche inmitten der 223 Meter breiten Hauptfassade des Klosters zur Oder zu.
Von der jetzt wasserarmen Oder ist das höher gelegene Kloster nicht zu erblicken, aber es gibt schon eine Anlegestelle für größere Flußkreuzer inkl. Treppenlift für nicht so mobile Besucher.
Von der jetzt wasserarmen Oder ist das höher gelegene Kloster nicht zu erblicken, aber es gibt schon eine Anlegestelle für größere Flußkreuzer inkl. Treppenlift für nicht so mobile Besucher.
Sonst ist es eher still um Lubiaz. Wir hatten das Glück, an Fronleichnam hier aufzukreuzen – ein Festtag im katholischen Polen, der gern solchen Ausflugszielen geweiht wird. Wenn der Oderpegel wieder steigt, findet man das Ziel auch auf dem Wasserwege.

Nächste Folge: Im Hafen von Crossno

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